Mittwoch, 21. Oktober 2009

"Das ganz normale Böse": Buchautor
Reinhard Haller über unsere dunkle Seite

  • NEWS-Talk: "Der Mensch ist eben nicht nur gut"
  • Von der Hölle im Diesseits und seelischen Abgründen

Ich habe lange Zeit im Gefängnis verbracht – wegen Mordes. Weit über ein Jahr meines Lebens war ich mit Personen, denen die Tötung anderer Menschen vorgeworfen wird, in engen Zellen eingeschlossen und habe ihre Geschichten gehört. Nichts ist zwischen uns gestanden, kein Gitter und kein Sicherheitsglas, nur ein Notizblock mit Schreibstift – und ein noch nicht begreifbares Verbrechen. Von Angesicht zu Angesicht haben mir Sexualmörder und Serienkiller, Terroristen und Kinderschänder, alte NS-Verbrecher und junge Amokläufer von ihren Motiven und Gefühlszuständen, von der Beziehung zum Opfer und vom Tatablauf, von ihrer Lebensgeschichte und ihrer heutigen Sichtweise erzählt …“ Mit diesen Sätzen beginnt das neue Buch von Reinhard Haller.

Und freilich, es wäre nahe liegend, zu glauben, dass der Gerichtspsychiater in der Folge über seine interessantesten Causen berichtet; über die „besonders grauenhaften“ jener 325 Täter, die er mittlerweile im Auftrag der Justiz begutachtet hat. Und ja, schon, das tut er. Auch. Er berichtet über Personen, die abscheulichste Delikte begangen haben; er berichtet über die dunkelsten Seiten ihrer Seelen; er berichtet über völlige Gefühllosigkeit und Irrsinn. Aber vor allem berichtet er über die Abgründe des Menschen. Aller Menschen. „Das ganz normale Böse“ – so daher der Titel des Buchs. Der Mensch – eine „Bestie“? „Ein Wesen“, sagt Haller im NEWS-Interview, „das nie nur gut ist.“ Das „das Böse“ in sich trage, von Geburt an, und – so sagt der Seelenarzt auch – dass es immer nur „eine Frage der Umstände“ sei, wie massiv diese negativen Energien zum Ausbruch kämen ...

NEWS: Herr Professor Haller, Sie zeichnen kein schönes Bild vom Homo sapiens …
Reinhard Haller: Bloß ein reales.

NEWS: Die „Inspiration“ für Ihr Buch: die vielen Schwerstverbrecher, die Sie bereits im Auftrag des Gerichts begutachtet haben?
Haller: Ja, auch. Aber vor allem war meine „Inspiration“ der „Mensch an sich“. Seine Psyche, seine Mechanismen, seine Strategien.

NEWS: Die genährt werden von „dem Bösen“ …
Haller: Ich denke, die Auseinandersetzung mit dem negativen Teil unseres Ichs ist von enormem Interesse. Seit Jahrhunderten schon suchen schließlich Biologen, Psychiater, Dichter und Philosophen nach der Wurzel des Bösen.

NEWS: Sie führen in Ihrem Buch zahlreiche „einschlägige“ Feldstudien an …
Haller: … und sie alle belegen das Resümee des wohl bedeutendsten Experiments, welches über den „bösen Part des Menschen“ je gemacht wurde.

NEWS: Sie sprechen jetzt vom „Milgram-Experiment“.
Haller: Ja. Dem groß angelegten Test des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram, der prüfen wollte, wie groß die Bereitschaft von „Durchschnittsmenschen“ ist, autoritären Anweisungen Folge zu leisten – selbst wenn diese Vorgaben im Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen.

NEWS: Das Resultat hat einst sehr erschüttert. Fast zwei Drittel der Versuchspersonen waren dazu bereit, diese Grenze zu überschreiten.
Haller: So ist der Mensch, so ist er immer gewesen.

NEWS: Wodurch sich letztendlich unfassbar grauenhafte Kapitel der Geschichte ganz einfach erklären lassen. Wie etwa die Verbrechen in der NS-Zeit …
Haller: Tatsache ist: Es waren „Menschen wie du und ich“, die damals abscheulichste Taten begingen; Menschen, die in der Regel nicht geisteskrank waren, die durchaus über Empathie verfügten, die oft sogar äußerst liebevolle Familienväter gewesen sind – und dennoch in ihren „Jobs“ als KZ-Wärter, als „ Deportierer“, als „Hinrichter“ wie Bestien agierten.

NEWS: Käme nun also ein charismatischer Politiker an die Macht, der uns erklärte, bestimmte Volksgruppen gehörten ausgerottet – würden die meisten Menschen diesen Befehl befolgen, auch heute noch, im 21. Jahrhundert?
Haller: Ereignisse in anderen Teilen der Welt, aus jüngster Vergangenheit, zeigen uns – dass blutige Kriege und Verfolgungen noch immer „Alltag“ sind. Aber fest steht auch: Je hochentwickelter eine Gesellschaft ist, je mehr moralische Werte in die Gesetzgebung einfließen, je ausgebildeter Kulturen sind – desto geringer die Gefahr, dass abstruse Ideen Einzelner zu Massenphänomenen werden.

NEWS: Und unsere Kultur ist „gut genug“, um „das Böse“ im Ansatz zu ersticken?
Haller: Ich denke nicht, dass Verbrechen, wie sie zur Zeit des NS-Regimes geschehen sind, hierzulande noch einmal passieren könnten. Denn freilich haben wir dazugelernt.

NEWS: Was bedeuten würde, dass das Böse durch das Böse vernichtet wurde?
Haller: Mit Sicherheit nicht. Bloß die Spielweise des Bösen hat sich verändert. NEWS: Das „moderne Böse“ – wie zeigt es sich? Haller: Fakt ist jedenfalls: Es kommt in Krisenzeiten stärker zum Vorschein.

NEWS: Warum?
Haller: Weil in einer wirtschaftlich allgemein schlechten Situation eiskalte Psychopathen – die häufig unzweifelhaft über einen extremen Charme und enorme Überzeugungskraft verfügen – einfacher in wichtige Positionen kommen. Und weil Menschen, die Existenzängste haben, leicht zu manipulieren und damit zu Mittätern zu machen sind. Das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren ist dann häufig gegeben. Und hat sehr schlimme Folgen – für viele, viele Opfer.

Martina Prewein

Mehr über unsere seelischen Abgründe und was Reinhard Haller über "moderne Killer" und Firmenbosse als "Folterknechte der Gegenwart" sagt, lesen Sie im NEWS 43/09!

21.10.2009 15:20
sidestep, 25. 10. '09 10:15
Angenehmer Nebeneffekt
Ich stelle im Vorhinein fest, dass es sich bei Haller um einen ausgezeichneten Profiler und Psychiater handelt. Aber offensichtlich ist er nach 325 Begutachtungen von Mördern und anderen Bestien von den schrecklichen Vorfällen die sie begangen haben und die er begutachten musste so psychisch überfordert, dass er diese geistige Belastung in einem Buch niederschreiben muss um sich selbst und seine Psyche zu entlasten. Dass sich dadurch der angenheme Nebefeffekt ergibt, dass sich daraus nicht unerhebliche Tantiemen erlösen lassen, wird wohl nur allzugerne in Kauf genommen.
drache68, 27. 10. '09 10:21
Re: Angenehmer Nebeneffekt
Das der Mensch sicher eine die Aggressivesten Lebensformen ist die wir kennen steht außer Frage. Was böse ist wird oft durch gesellschaftliche und religiöse Normen vorgegeben. Dennoch gibt es oft eine hintergründige Bösartigkeit, die nichts mit Normen zu tun hat. Sie begegnet uns im Alttag. Nicht unbedingt muss sie sich so dramatisch wie in grausamen Verbrechen zeigen, aber sie ist immer präsent. Es stimmt, jeder Mensch hat das Potenzial zum Guten oder zum Bösen und oft sind es die Umstände, welche die eine oder andere Seite zum Vorschein kommen lassen. Doch die letzte Verantwortung liegt bei einem selbst. Bei der Stimme des Gewissen, wie weit man geht oder wo die Grenze ist..