Jörg Haider hat mehr verdient als
unsinnige Verschwörungstheorien
- FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
- PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Der Wahnsinn ist noch immer präsent: Auf einer Internetsite, für die vergangenen Sonntag ein Flugzeug bei der Enthüllung des Haider-Marterls geworben hatte (von wem eigentlich bezahlt?), stehen die neuesten Absurditäten bezüglich des Unfalltodes des ehemaligen Kärntner Landeshauptmannes: Die Anordnung des Schuhs und der Brille im zertrümmerten Auto deuteten ganz klar darauf hin, dass Freimaurer hinter dem Anschlag auf ihn standen. Vor allem auch das Datum: Der 11. Oktober 2008 war ein Samstag. Der Samstag ist im okkultmagischen Weltbild dem Planeten Saturn zugeordnet, dem Tag des Schadenszaubers aller Art, der Rituale, der Zerstörung und dem Todeszauber! Und: Sogar nach der eigentlichen Tat und nach den Symbolarrangements am mutmaßlichen Unfallort, dem Tatort, wurde eine Symbolik hinterlassen, eine Zahlensymbolik und zwar an Haiders Sarg! Sein Geburtsdatum auf der Sargplakette lautet 26. 1. 1950, sein Todesdatum 11. 10. 10. 2008. Es wurde also zweimal der 10., der Oktober, angebracht! Von Zufall kann wohl hier keine Rede sein!
Es kann wohl auch kein Zufall sein, dass immer wieder auch Kärntner Politiker solchen Verschwörungstheorien Raum geben. Zuletzt Stefan Petzner bei Im Zentrum. Es gereicht dem jetzigen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler zur Ehre, dass wenigstens er mit solchen Unsinnigkeiten aufgeräumt hat: Er habe nach Prüfung der Unterlagen keinen Zweifel mehr, dass ein Unfall zum Tod Haiders geführt hat. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wenn jemand mit 1,7 Promille Alkohol im Blut mit 142 km/h auf einem Straßenstück unterwegs ist, für das eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h gilt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sich selbst umbringt, ganz ohne manipuliertes Auto, ferngesteuerte Raketen oder Mikrowellen, welche einen Laptop in seinem Auto manipuliert haben (all das wird ernsthaft kolportiert).
Narzisstisch und unbeherrscht
Dabei kann dieses abrupte Ende Haiders niemand wirklich überraschen, der ihn über Jahrzehnte beobachtet hat. Wirkliche Kenner mutmaßten schon lange, dass er einmal abstürzen würde, von einer seiner Bergtouren etwa, zu denen er sich gern nach Enttäuschungen zurückgezogen hat. Er war ein extrem narzisstischer, unbeherrschter Grenzgänger zwischen Genialität und Irrsinn, kannte kein Mittelmaß, ging stets an die Grenzen des Möglichen diesmal eben einen Schritt zu weit. Tragisch für ihn, dass er es so nach einem relativen Erfolg bei der Wahl 2008 tat. Gut für mögliche unbeteiligte Opfer, die er mit sich in den Tod hätte reißen können.
Jörg Haider hat es eigentlich nicht verdient, dass Kleingeister seinen Tod nun mit unsinnigen Verschwörungstheorien banalisieren. Die Bilanz seines Wirkens fällt nämlich zwiespältig aus, er hat unbestreitbar auch viel erreicht. Er war wahrlich ein Mensch im höchsten Widerspruch. Er hat aus einer kleinen Partei eine mittelgroße gemacht, ehe er sie spaltete. Er hat das Ende des Proporzsystems beschleunigt, er hat in Kärnten eine autoritäre Ordnung durch eine neue, kaum weniger autoritäre abgelöst. Freilich mit höchst fragwürdigen Mitteln: Er hat das Land emotionalisiert und polarisiert, hat skrupellos Feindbilder geschaffen, auch im engsten Freundeskreis. Die Liste seiner diesbezüglichen Opfer ist meterlang und in sich höchst widersprüchlich, von Gugerbauer bis Schmidt, von Grasser bis Stadler. Sein erstes, Norbert Steger, brachte es Im Zentrum auf den Punkt. Haider hat zwar viel erreicht, ist aber letztlich gescheitert: an seiner Unfähigkeit, im Team zu agieren, seine persönlichen Befindlichkeiten einem strategischen Ziel unterzuordnen. Er hat all sein Charisma, seinen zeitweiligen Charme, seine Talente, sein Gspür für Themen und Trends nicht konstruktiv genutzt, sondern destruktiv. Auch gegen sich. Mit tödlicher Konsequenz.
