Österreichs Parade-Dramatiker ist 65:
Peter Turrini im exklusiven NEWS-Interview
- Nach einem Unfall ist er wieder voller Tatendrang
- "Will keinen Ruhestand, ich will in Ruhe schreiben"

Seine Alpensaga in den späten Siebzigerjahren destabilisierte die Nationalliga der Dolme so umfassend wie zehn Jahre später Bernhards Heldenplatz. Seine Stücke trotzen jeder Modeverordnung: Sie erzählen Geschichten vom aussichtslosen Hoffen kleiner Leute, und sie sind gefragter als je. Die schwarze Operette Jedem das Seine über Verfolgte des Nazi-Reichs, die er mit seiner Lebensgefährtin Silke Hassler schrieb, wird als internationale Koproduktion im Waldviertel verfilmt. Sein Vorlass wurde für ein Museum der Kreativität in Krems vom Land Niederösterreich erworben. Peter Turrini, seit 26. September 65, ist Österreichs großer lebender Dramatiker. Im vergangenen Februar wurde seinen Freunden angst um ihn: Da verriss er nächtens das Lenkrad, um einem Tier auszuweichen, und rammte eine Betonwand. Doch Peter Turrinis Atout war stets die Widerstandskraft.
NEWS: Sie feiern in diesen Tagen Ihren 65. Geburtstag. Wie geht es Ihnen?
Peter Turrini: Privat bin ich sehr glücklich, aber ansonsten lebe ich im Unglück, wie vermutlich die meisten Menschen. Es herrscht ein gigantischer Rumor, alles rennt durch die Gegend und schreit. Jeder muss jeden unbedingt treffen. Bei einem öffentlichen Menschen ist das besonders schlimm. Ich bin ein Schriftsteller und brauche Ruhe. Alles andere bringt mich und mein Werk um.
NEWS: Leiden Sie noch an den Folgen Ihres Unfalls?
Turrini: Die waren halb so dramatisch. Die Nase und ein paar Rippen waren gebrochen. Das heilt. Das Schlimmste war die Lungenquetschung. Mir geht zwischendurch immer wieder die Luft aus, besonders in der Öffentlichkeit. Da habe ich das Gefühl, meine Lunge ist einer dieser verschrumpelten Luftballons im Prater.
NEWS: Wie empfinden Sie nun den 65. Geburtstag? Als Appell zum Ruhestand?
Turrini: Ich will keinen Ruhestand, ich will in Ruhe schreiben. Seit ich denken kann, sind mir Geburtstage unsympathisch. Die eigenen sowieso, aber auch die anderer Menschen. Dieser Ausbruch von Festeslaune zu einem völlig willkürlichen Datum, einfach idiotisch. Außerdem gehören Geburtstage zum Sortiment der Schreibverhinderungen, und dazu zählen weiters Einladungen aller Art: zu Lesungen, zu literarischen und philosophischen Symposien, zu Eröffnungsreferaten bei Tagungen, zum Verfassen von Vor-, Zwischen- und Nachworten, zu Buch- und sonstigen Besprechungen und so weiter. Dreimal am Tag soll ich Wortspenden zum Aussterben der Hirschkäfer und zur Vermehrung der FPÖler abgeben (
)
NEWS: An einem neuen, eigenen Stück arbeiten Sie auch?
Turrini: Ja, gleich an mehreren. Das eine ist ein Stück über einen Mörder. Ich vermeide die naheliegende Frage, warum er seine Frau mit einem Beil umgebracht hat. Die Psychologie interessiert mich nicht. Ich möchte eine mörderische Gesellschaft schildern. Außerdem weiß ich noch nicht so genau, wer letzten Endes umgebracht wird oder nicht. Wer stirbt, wer überlebt? Es ist eine sehr fröhliche Sache, wenn man beim Dichten den dramaturgischen Himmelvater spielen kann.
NEWS: Sie haben mit der Alpensaga Fernsehgeschichte geschrieben. Interessiert Sie das Medium noch?
Turrini: Ich habe vor der Macht der Fernbedienung kapituliert. Die Vorstellung, dass man bei einer Geschichte von mir zwischendurch auf die Toilette geht, mit der Ehefrau streitet und fünfmal umzappt, macht mich freud- und einfallslos. Ich bin ja selber ein übler Zapper geworden. Wenn ich müde und leer bin, setze ich mich vor den Apparat und betäube mich. Vom Inhalt nehme ich wenig bis nichts wahr.
NEWS: Und was sagen Sie zum Zustand des ORF?
Turrini: Für mich war dieses Medium für einen kurzen historischen Moment sehr interessant. Das Fernsehspiel der Siebziger- und Achtzigerjahre, aus dem alle großen österreichischen Filmregisseure hervorgegangen sind, hatte eine aufregende Idee: so viele Menschen wie möglich zu erreichen und Aufklärung mit Ästhetik zu verbinden. Ich denke, das ist dem Dieter Berner, dem Wilhelm Pevny und mir mit der Alpensaga gelungen, aber solche Helden waren wir auch wieder nicht. Die Leute hatten ja nur die Wahl zwischen FS 1 und FS 2. Wir waren ja ziemlich konkurrenzlos.
Heinz Sichrovsky, Susanne Zobl
LESEN Sie das ausführliche Interview mit Peter Turrini im aktuellen NEWS 40/2009!

