Worum es wirklich geht
- Heinz Sichrovsky über den Willen des Publikums
- PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Drei Wochen erst soll das her sein, dass Matthias Hartmann das Burgtheater wieder eröffnet hat? Mittlerweile sind acht Premieren ins
Land gegangen, und Gert Voss ist aus vier Metern Höhe auf den Bühnenboden gestürzt (es hätte mich nicht gewundert, wenn er die Schwingen gebreitet und zur sanften Landung angesetzt hätte, denn es gibt keine Kunstfertigkeit, die ich ihm nicht zutraue). Der Rückstau der Faust I-Interessenten wird damit immer beträchtlicher, wohingegen man für Faust II kommod Karten bekommt. Dabei haben es doch viele meiner Kollegen konträr beschlossen: Der Einser wäre altmodisch (das heißt text- und starzentriert), der Zweier zumindest auf dem richtigen Weg (also salopp besetzt und zeitgeistig auffrisiert). Der Blick auf den Vorverkauf aber zeigt, dass es die Leute in erster Linie zu den großen Schauspielern zieht. Struwwelpeter ist nebst Faust I der Renner des großen Hauses, denn das zweifelhafte Popkonzert mit Handlung wird von Birgit Minichmayr fulminant bestritten. Kant besucht man, weil Sunnyi Melles und Michael Maertens den nicht atemberaubenden Text toll umsetzen. Und Schimmelpfennigs Goldener Drache, das Publikums-Atout des Akademietheaters, ist die Apotheo se der Verwandlungskunst, Startheater der anderen Art. Das ist die Wahrheit, und sie ist nicht so übel.
