Das Leben der Wünsche

ISBN: 978-3-446-23390-4, Thomas Glavinic, Hanser-Verlag
Fast könnte man meinen, der rätselhafte Fremde wäre einer modernen Teufelssage entstiegen. Das Angebot, das er dem 35jährigen Werbetexter Jonas unterbreitet, würde dem Höllenfürsten jedenfalls alle Ehre machen. Drei Wünsche hat Jonas frei. Und der lässt sich auf den seltsamen Handel ein und glaubt auch noch, den Mann ums Ohrs zu hauen: Er wünscht sich, dass sich fortan alle seine Wünsche erfüllen mögen und er in Zukunft und Vergangenheit schauen und einen Blick auf das, was gewesen ist und das, was kommt, werfen darf. Das wünschen Sie sich nicht, sagt der Fremde noch, ehe er wieder aus Jonas Leben verschwindet, und das Verhängnis einer antiken Tragödie gleich seinen Lauf nimmt.
So beginnt Thomas Glavinics neuer, meisterhaft erzählter Roman Das Leben der Wünsche (Hanser), der schon jetzt als eine der bedeutendsten Neuerscheinungen des Herbstes gelten darf. Protagonist Jonas scheint ein typischer Vertreter seiner Generation: Beruflich unausgelastet und ohne Ehrgeiz, Vater zweier Söhne mit einer Frau, die er nicht mehr begehrt, und leidenschaftlicher Geliebter der ebenfalls gebundenen Marie, die einen immer größeren Stellenwert in seinem Leben einnimmt. Er hat es sich bequem zwischen den Betten eingerichtet, bis der Unbekannte auf der Parkbank neben ihm Platz nimmt. Kurz darauf stirbt seine Frau an Herzversagen, und zum Begräbnis erscheint auch ihr Liebhaber, um dessen Existenz Jonas nicht wusste (kurz darauf stirbt der Asiate einen mysteriösen Tod im Wald).
Seine Geliebte Marie wiederum zögert, den nunmehr freien Platz an Jonas Bettkante einzunehmen. Rätselhafte Dinge geschehen, seltsame Ahnungen bemächtigen sich seiner. Er wird Zeuge eines Raubüberfalls. Er steigt nicht in das bereits gebuchte Flugzeug, das kurz darauf abstürzt. Jonas scheint sein Bewusstsein zu verlieren und er tritt aus seinem Körper. Sein zu kleiner Sohn beginnt plözlich zu wachsen. Seine erste an Krebs erkrankte und von den Ärzten bereits aufgegebene Frau erfährt eine unerklärliche Spontanheilung. Seine Aktienkurse steigen, und nächtens zwingt ihn die Schlaflosigkeit zu immer absurder scheinenden Aktivitäten. Mit großer Spannkraft und Suggestion treibt Glavinic seinen Protagonisten dem Untergang entgegen. Ein Buch wie ein surrealer Alptraum.
Der gebürtige, heute in Wien ansässige, Steirer ist der spannendste Autor seiner Generation. In den ersten vier Romanen (Carl Haffners Liebe zum Unentschieden, Herr Susi, Der Kameramörder und Wie man leben soll) überraschte er durch Wandlungsfähigkeit und Wechsel von Erzählsprache und Genre. Mit den letzten drei Romanen (Die Arbeit der Nacht, Das bin doch ich und Das Leben der Wünsche) hat er nicht nur zu seinem Stil gefunden. Glavinic ist auf einer von wenigen erreichten literarischen Höhe angelangt, die ihm zu Recht eine Nominierung (und hoffentlich mehr als das) für den Deutschen Buchpreis einbrachte. Brillant! D. K.
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