Mittwoch, 16. September 2009

Schädliches Sitzenbleiben: psychisch,
volkswirtschaftlich und pädagogisch

  • FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
  • PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Preisfrage: Was haben Literaten wie Thomas Mann und Hermann Hesse gemeinsam, Politiker wie Bismarck, Churchill, Peer Steinbrück, Klaus Wowereit, Guido Westerwelle, Gerhard Dörfler und Franz Voves, Genies wie Richard Wagner und Thomas Edison? Sie alle waren „Sitzenbleiber“, drehten während ihrer Schulzeit einmal eine „Ehrenrunde“. Aus allen von ihnen „wurde etwas“. In gewisser Weise auch aus mir: Ich musste die sechste Klasse des Piaristengymnasiums in Wien wiederholen, gescheitert an Altgriechisch und Latein. Es war fast abseh- bar: Die vorigen zwei fünften Klassen waren zusammengelegt worden, aus der recht großen Gruppe von damals 28 wurde ein Jahr vor der Matura eine mit 18 Schülern. Ich persönlich hatte – zum Unterschied von meinen Eltern – nichts dagegen. Ich war fast ein halbes Jahr „zu früh“ eingeschult worden und als weitaus Jüngster nicht gerade weit oben auf der gruppendynamisch bestimmten Anerkennungsskala, als Repetent tat ich mir diesbezüglich viel leichter – ebenso mit dem schulischen Erfolg bis zur und bei der Matura. Das ist aber nicht die Regel: Viele „Sitzenbleiber“ verlieren ihre gewohnten sozialen Kontakte, geben auf, werden komplett ausgemustert, zerbrechen daran: Das sind dann die psychischen „Kollateralschäden“ eines in dieser Form höchst fragwürdigen Selektionsvorgangs.

Knapp vier Prozent der österreichischen Schüler haben vergangenes Schuljahr keinen positiven Abschluss geschafft, etwas mehr als 40.000. Zwei Drittel davon wiederholen die Klasse, an die 30.000. Susanne Schöberl, Bildungsexpertin der Arbeiterkammer, hat für das vorwöchige FORMAT die volkswirtschaftlichen Folgekosten berechnet: Der Staat zahlt pro Repetent für das „Ehrenjahr“ 2.450 Euro an Familienbeihilfe und Absetzbetrag, 150 für Schulbücher, 400 für die Schülerfreifahrt, dazu kommen an durchschnittlichen Kosten für den Schulplatz 8.000 Euro. Macht für die 28.000 Repetenten 308 Millionen an staatlichen Mehrausgaben. Noch höher die Zusatzkosten für Familien: direkte für die länger „auf der Tasche liegenden“ Sprösslinge (laut WIFO durchschnittlich 560 Euro monatlich) in der Höhe von 6.720 Euro, indirekte (Verdienstentgang durch späteren Berufseintritt) von durchschnittlich 14.000 Euro (Medianeinkommen von unter 20-Jährigen). Macht bei den 28.000 Repetenten gesamt etwa 580 Millionen Euro. Zusammen mit den 308 Millionen sind das 888 Millionen, ungeheuer große volkswirtschaftliche „Kollateralschäden“.

Schließlich ist das Sitzenbleiben auch pädagogisch schwachsinnig: Nur weil eine/r sich in Mathematik, Englisch, Physik oder Biologie schwer tut, muss er/sie ein ganzes Jahr wiederholen, auch Fächer, in denen er/sie brillierte? Der langjährige steirische ÖVP-Landesschulratspräsident Bernd Schilcher hat deshalb zumindest für Schüler ab 14 ein Modulsystem empfohlen: statt starrer Schulklassen Kurse, in denen Schüler in ihren Stärken schneller gefördert und bei ihren Schwächen besser unterstützt werden. Alle, wirklich alle Bildungsexperten des Landes denken ähnlich, in europäischem Einklang. Wie der EU-Bildungsbericht „Schlüsselzahlen zur Bildung in Europa“ zeigt, gibt es das Prinzip der Klassenwiederholung nur in einigen europäischen Ländern: In 16 der 31 untersuchten Länder können schlechte Schüler durchfallen, in der Praxis müssen diese dennoch „nur sehr selten“ repetieren, heißt es im Bericht. SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied hat das daraus folgende „Ende des Sitzenbleibens“ bis 2013 zur Diskussion gestellt. Mit leider vorhersehbarem Echo: ein lautes Njet der Lehrergewerkschaft, ein zögerndes des Koalitionspartners. Manche wollen eben nichts lernen. Die bleiben wirklich sitzen: auf ihren Vorurteilen. Zulasten von Schule und Schülern.

16.9.2009 13:51