"Haltung bedeutet kämpfen": Sunnyi Melles kehrt nach 24 Jahren an die "Burg" zurück
- Ab 19. 9. glänzt sie in Bernhards "Immanuel Kant"
- NEWS-Talk über ihre Rolle, den Tod & Tobias Moretti

Welch eine Schauspielerin! Ihre zeitlose, porzellanene Schönheit und Noblesse ändert nichts an ihrer Befähigung zu komischer Urgewalt. Sunnyi Melles, Tochter eines ungarischen Emigrantenpaars einer aristokratischen Schauspielerin und des jüdischen Dirigenten Carl Melles , verehelichte Sayn-Wittgenstein-Sayn, ist eine der gefeiertsten Bühnenschauspielerinnen des Sprachraums. In der Regie Matthias Hartmanns feierte sie, noch zu dessen Zürcher Zeit, einen Triumph als bizarre Millionärin in Thomas Bernhards Immanuel Kant. Die Produktion ist ab 19. 9. an der Burg zu sehen.
NEWS: Sie sind tatsächlich zuletzt 1985 am Burgtheater aufgetreten?
Melles: Ja, noch als Schauspielschülerin. Mein Herz zerspringt, wenn ich daran denke. Dass ich hier wieder eine Beziehung aufbauen darf, das geht unter die Haut. Hier ist die Muttersprache, die man auch spürt, wenn man Emigrant ist. Es war herzzerreißend, als ich heute wieder vor dem Burgtheater gestanden bin. Die Othello-Premiere damals war übrigens ein historisches Datum, weil seit dieser Vorstellung im Burgtheater applaudiert werden darf. (Anm.: Vorher bestand Vorhangverbot.) Ich war so glücklich! Dafür war ich ganz unglücklich, als ich in den neu inszenierten Jedermann zurückgekehrt bin und als da plötzlich applaudiert wurde. Ich war an die Stille nach Jedermann gewöhnt. Es war wie in der Kirche. Man applaudiert doch nicht, wenn jemand stirbt! Und Jedermann ist ein Masterpiece über den Tod. Der kommt hier nicht wie bei Shakespeare durch die Hand eines Menschen, sondern er holt einen. Man erinnert sich nicht an die Geburt, aber den Tod hat man vor sich, und das Stück wächst, je älter man wird. Wenn man jung ist wie meine Kinder jetzt (Anm.: 14, 13), ist es spooky. Sie kennen noch nicht den Verlust durch den Tod, das kommt langsam. Auch ich sehe den Tod jedes Jahr anders. Ich habe beide Eltern verloren, und wenn ich mir den Faust vergegenwärtige, in dem ich das Gretchen war: Helmut Griem ist tot, Peter Lühr, Romuald Pekny
NEWS: Werden Sie nun öfter in Wien spielen? An Ihrem Münchner Stammhaus, dem Residenztheater, ändert sich ja viel: Dieter Dorn geht, Martin Kusej übernimmt. Werden Sie bei ihm weiterarbeiten?
Melles: Ich hoffe. Ich bin dort Ensemblemitglied, aber kein festes, und dass Kusej kommt, finde ich sehr gut. Dorn war mein Wegbegleiter, ich sehe ihn immer, wie er den Mantel über mich ausbreitet. Zum Abschied hat er mir noch meine erste Regie auf den Weg gegeben: Die Kameliendame im Cuvilliés-Theater, wo ich auch die Titelrolle spielen werde. Das berührt mich sehr. Dass ich mit Matthias Hartmann weiterarbeiten werde, ist schon möglich. Aber ich bin sehr abergläubisch, und bevor nicht alles wie bei Mephisto mit Blut unterzeichnet ist, rede ich nicht darüber.
NEWS: Nun hatten Sie mit Immanuel Kant einen Triumph.
Melles: Ich kann mir das nur so vorstellen, dass Bernhard den Matthias und mich an der Hand genommen und geführt hat. Keiner von uns beiden hatte je ein Stück von ihm gemacht, wir hatten einander auch nie zuvor gesehen. Sie werden es nicht merken, aber ich halte bei jeder Verszeile inne, als wäre da ein Taktstrich. Der Rat kam von Traugott Buhre, der 1978 in Stuttgart der Kant der Uraufführung war und jetzt, in Zürich, den Admiral gespielt hat. Auch er ist tot. Ich denke oft daran, wie wir während der Proben nebeneinander hinter der Bühne gesessen sind.
(Heinz Sichrovsky)
Sunnyi Melles über ihre Wurzeln, Lampenfieber und Tobias Moretti als "Faust": Das Interview lesen Sie in voller Länge in NEWS 38/09!

