Neuer Burgtheater-Chef Hartmann fühlt sich
angenommen: "Das Haus leuchtet wieder"
- Neuer Burgtheaterdirektor spricht über seinen Erfolg
- Hartmann zieht erste Bilans im Interview mit NEWS

Was waren das für vier Tage, die ersten der Burgtheater-Direktion Matthias Hartmanns! Jeden Abend eine Premiere, auch qualitativ so verschieden wie Tag und Nacht. Ungeheures Getöse um den Einstands-Faust in Chef-Regie: Die Agenturen meldeten Ovationen, das Feuilleton (das auswärtige mehr als das hiesige) grollte und fiel vor allem hysterisch über Titeldarsteller Tobias Moretti her.
Vergangenen Montag in der Pause der bizarren Kasino-Produktion des Nature Theater: Hartmann, 46, legt für NEWS Bilanz, und es klingt wie bei Peymann selig. Wir standen auf der Bühne, weil uns die Menschen nicht weggehen ließen, badet er im Applaus für Faust. Wir sind überwältigt und wahnsinnig glücklich. Dass es bei der Presse fifty-fifty aufgenommen worden ist, das ist die Bilanz, die ist o. k. War die nicht doch ein wenig unausgeglichen in Richtung Niedermache? Weil Voss und Moretti so berühmte Schauspieler sind, haben sich viele Kritiker instrumentalisiert gefühlt und waren der Meinung, es wäre im Vorhinein alles entschieden. Dass sie sich dann gewissermaßen das Recht nahmen, anders zu entscheiden, ist für mich selbstverständlich.
Aber das sogenannte Großfeuilleton zielte in die Weichteile. Ich habe mir erzählen lassen, dass Frau Dössel in der ,Süddeutschen den ,Faust II sehr lobt. In letzter Zeit lobte Herr Stadelmaier von der FAZ mich immer mehr, ich musste schon Angst bekommen, dass meine Aufführungen konservativ werden. Und ansonsten? Die Neue Zürcher? Mit dem, was Frau Villiger-Heilig lobt, möchte ich mich nicht identifizieren. Diese Leute haben in Zürich dafür gesorgt, dass ihr Theater von der Bevölkerung vollkommen leidenschaftslos aufgenommen wird, weil sie immer hyperkritisch mit dem Theater umgegangen sind, nie sinnlich, leidenschaftlich. Mir wurde oft vorgeworfen, dass ich es allen recht mache. Wenn es jetzt einmal bei bestimmten Leuten nicht so ist, dann ist das gerade richtig, denn ich kann mich nicht von allen Leuten gut finden lassen. Obwohl: Es gibt ein paar Kritiker, die ich sehr ernst nehme.
Hat er beim Inszenieren etwas falsch gemacht?
Ich bin nie glücklich über meine Aufführungen. Inszenieren ist ja ein kritischer Vorgang. Bei ,Faust I hätte ich gern an der Rhythmusfrage länger gearbeitet, das ist mir nicht gelungen. Was ist Moretti widerfahren? Erstens schrie jemand zu Beginn ,lauter, so etwas ist tödlich. Er verließ sich auf sein Mikroport! Dann hat er eine Phiole verloren, mit der er sich umbringen sollte, und fand das Gift auf der Bühne nicht. Dann haben sie sich minimal im Text verhaspelt, und er war neben der Spur. Ich habe ihn toll und anders gesehen und weiß, dass er bei der Premiere nicht in Bestform war, aber er wird hochkommen. Tobias ist ein Kämpfer, und er lässt sich durch so ein paar Sachen nicht demoralisieren. Er ist so berühmt und so geliebt, dass er auch viele Neider hat. Ja, der Direktor sieht sich in Wien angenommen und angekommen.
,,Das Burgtheater funkelt wieder''
Es gab Zettel hinter der Windschutzscheibe, die begeisterte Fans geschrieben haben. Und ich habe am nächsten und übernächsten Tag zwei Inszenierungen gesehen, die ich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Kulturraum nicht gesehen habe. Ich habe so einen Lauf noch nie gehabt. Nicht in Bochum, nicht in Zürich. Wir sind wieder Thema in der Stadt geworden. Das Burgtheater funkelt wieder. Es wäre nachvollziehbar, überließe er die Klassiker jetzt für einige Zeit den anderen. Es gibt nur einen ,Faust. Mir fällt nichts ein, was damit konkurrieren könnte. Ich habe mich noch gar nicht entschieden, was ich als Nächstes mache. Vielleicht Grillparzers ,Ahnfrau, ein vollkommen wahnsinniges Schauermärchen. Das wäre eine Herausforderung: einfach den ganzen Anspruch abschütteln und mit Spaß dran.
Heinz Sichrovsky

