Menschen. Dramen. Perversionen: Im Privatfernsehen boomen die Doku-Soaps!
- Das Leben sozial Schwacher wird zum TV-Superhit
- TV-MEDIA: Alltagsdokus sind auch mal frei erfunden!

Es ist wohl einer der größten journalistischen Tabubrüche seit langem! RTL hievt mit 31. August zwei Dokusoaps ins Nachmittagsprogramm, die das echte Leben widerspiegeln sollen. Einziges Problem: Sowohl bei "Verdachtsfälle" (15 Uhr) als auch "Familien im Brennpunkt" (16 Uhr) handelt es sich um Scripted Reality-Sendungen, in denen Laiendarsteller nach Drehbuch agieren. Das wahre Leben frei erfunden!
TV-MEDIA nimmt den Siegeszug des Genres, das immer mehr Programmplätze belegt, zum Anlass für eine kritische Analyse. Die Vorwürfe wiegen schwer: Sozialpornografie und Voyeurismus bei den echten Fällen ("Die Super Nanny", "Frauentausch"), Zuseher-Täuschung bei den erfundenen Alltagsdokus.
Warum die Sender Dokusoaps so lieben, liegt auf der Hand: So günstig lässt sich Fernsehen sonst kaum produzieren. Teure TV-Studios, divenhafte Schauspieler und Moderatoren? Geschenkt! Für eine Gage von 1.500 Euro beim RTL-2-Frauentausch oder 1.000 Euro bei den echten PRO-7-Nachtmittagsdokus "We are Family" bzw. "U20 Deutschland, deine Teenies" gewähren Menschen Einblicke in ihr Leben. Die TV-Stunde wird damit unschlagbar günstig: 40.000 Euro statt 90.000 für Telenovelas und Daily Soaps, 500.000 für Eventshows oder sogar 1,5 Millionen für eigenproduzierte TV-Movies.
TV-Seher lieben Dokusoaps
Zum Knüller wird das Alltags-TV aber erst durch das hohe Interesse der TV-Seher. RTL hat die neuen, erfundenen Formate im Rahmen von "Mitten im Leben!" (werktags, 14 Uhr; Mix aus echten und erfundenen Fällen) erfolgreich getestet. Unterhaltungschef Tom Sänger zu TV-MEDIA: Die gescripteten Dokusoaps haben mit Marktanteilen um die 18 Prozent hervorragend abgeschnitten. Doch auch die echten Fälle kommen an: Auch mit realen Dokusoaps erzielen wir bei Mitten im Leben! Marktanteile über dem Senderschnitt!
Was also lieben die TV-Seher an den Sendungen, die vor allem das Leben sozial Schwacher zeigen? Eben dies, wie TV-Produzent Otto Steiner ("K11") erklärt: Gefragt ist der voyeuristische Blick ins Leben jener, denen es nicht so gut geht, weil sich der Seher selbst besser fühlen kann. Echte Menschen bloßgestellt und ausgelacht? Dass das TV mit den echten Menschen nicht gerade zimperlich umgeht, verwundert nicht. Denn wer die Mini-Gage will, muss auch einen Vertrag unterschreiben, mit dem die Rechte am gedrehten Material an die Produktionsfirma übergehen.
Nach dem Schnitt ist nicht jeder zufrieden. Wie eine Frauentausch-Teilnehmerin, die sich in die Rolle der Bösen gedrängt fühlte und sich selbst in der Sendung nicht wiedererkannte. Dies taten dafür die TV-Seher nach der Ausstrahlung: Die 43-jährige Frau wurde als dreckige Schlampe bezeichnet und angespuckt. Das Fazit der Dokusoap-Heldin: Für 1.500 Euro habe ich meine Seele verkauft.
Alle Infos zum Boom der Doku-Soaps und ein ausführliches Interview mit TV-Produzent Otto Steiner lesen Sie im aktuellen TV-MEDIA 36/09!
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