Dienstag, 25. August 2009

Menschen. Dramen. Perversionen: Im Privatfernsehen boomen die Doku-Soaps!

  • Das Leben sozial Schwacher wird zum TV-Superhit
  • TV-MEDIA: Alltagsdokus sind auch mal frei erfunden!

Es ist wohl einer der größten journalistischen Tabubrüche seit langem! RTL hievt mit 31. August zwei Doku­soaps ins Nachmittagsprogramm, die das echte Leben widerspiegeln sollen. Einziges Problem: Sowohl bei "Verdachtsfälle" (15 Uhr) als auch "Familien im Brennpunkt" (16 Uhr) handelt es sich um „Scripted Reality“-Sendungen, in denen Laiendarsteller nach Drehbuch agieren. Das wahre Leben – frei erfunden!

TV-MEDIA nimmt den Siegeszug des Genres, das immer mehr Programmplätze belegt, zum Anlass für eine kritische Analyse. Die Vorwürfe wiegen schwer: Sozial­pornografie und Voyeurismus bei den echten Fällen ("Die Super Nanny", "Frauentausch"), Zuseher-Täuschung bei den erfundenen Alltagsdokus.

War­um die Sender Dokusoaps so lieben, liegt auf der Hand: So güns­tig lässt sich Fernsehen sonst kaum produzieren. Teure TV-Studios, divenhafte Schauspieler und Moderatoren? Geschenkt! Für eine Gage von 1.500 Euro beim RTL-2-Frauentausch oder 1.000 Euro bei den echten PRO-7-Nachtmittagsdokus "We are Family" bzw. "U20 – Deutschland, deine Teenies" gewähren Menschen Einblicke in ihr Leben. Die TV-Stunde wird damit unschlagbar günstig: 40.000 Euro statt 90.000 für Telenovelas und Daily Soaps, 500.000 für Eventshows oder sogar 1,5 Millionen für eigenproduzierte TV-Movies.

TV-Seher lieben Dokusoaps
Zum Knüller wird das Alltags-TV aber erst durch das hohe Inter­esse der TV-Seher. RTL hat die neuen, erfundenen Formate im Rahmen von "Mitten im Leben!" (werktags, 14 Uhr; Mix aus echten und erfundenen Fällen) erfolgreich getestet. Unterhaltungschef Tom Sänger zu TV-MEDIA: „Die gescripteten Dokusoaps haben mit Marktanteilen um die 18 Prozent hervorragend abgeschnitten.“ Doch auch die echten Fälle kommen an: „Auch mit realen Dokusoaps erzielen wir bei Mitten im Leben! Marktanteile über dem Senderschnitt!“

Was also lieben die TV-Seher an den Sendungen, die vor allem das Leben sozial Schwacher zeigen? Eben dies, wie TV-Produzent Otto Steiner ("K11") erklärt: „Gefragt ist der voyeuristische Blick ins Leben jener, denen es nicht so gut geht, weil sich der Seher selbst besser fühlen kann.“ Echte Menschen – bloßgestellt und ausgelacht? Dass das TV mit den echten Menschen nicht gerade zimperlich umgeht, verwundert nicht. Denn wer die Mini-Gage will, muss auch einen Vertrag unterschreiben, mit dem die Rechte am gedrehten Material an die Produktionsfirma übergehen.

Nach dem Schnitt ist nicht jeder zufrieden. Wie eine Frauentausch-Teilnehmerin, die sich in die Rolle der Bösen gedrängt fühlte und sich selbst in der Sendung nicht wiedererkannte. – Dies taten dafür die TV-Seher nach der Ausstrahlung: Die 43-jährige Frau wurde als „dreckige Schlampe“ bezeichnet und angespuckt. Das Fazit der Dokusoap-„Heldin“: „Für 1.500 Euro habe ich meine Seele verkauft.“

Alle Infos zum Boom der Doku-Soaps und ein ausführliches Interview mit TV-Produzent Otto Steiner lesen Sie im aktuellen TV-MEDIA 36/09!

25.8.2009 17:15
fernsehwolf, 29. 08. '09 17:08
Alles Fake im TV? Vox und RTL Dokus
Leider greifen nicht nur die "bekannten" Pseudodokus auf Laiendarsteller zurück.

Ich war überrascht, als ich letztens einen Teilnehmer des Perfekten Dinners bei Vox wider Erwarten nicht in einer anderen Koch-Show sah, sondern bei "Unsere erste Wohnung" auf RTL.
War er beim Perfekten Dinner noch ein Transvestit mit gleichgeschlechtlichen Interessen, suchte er einige Monate später in der Einrichtungssendung gemeinsam mit seiner Freundin ein trautes Heim.

Oder ein Mädchen, das sich in einer Show auf Vox um eine Assistentenstelle bemühte und als einfaches Mädel präsentierte, das bei seiner Mutti wohnt.
Sie tauchte einige Zeit später beim Mittagsjournal auf RTL auf, wo sie plötzlich ein verwöhntes Luxusgeschöpf war, das mit einem Stubenmädchen eine Woche lang den Platz tauschte.
diewilde, 26. 08. '09 13:53
Ich liebe sie auch!
Ich gebe zu, ich stehe auf Dokusoaps und mir ist es egal ob es echte oder erfundene Fälle sind. ich freue mich auf "Verdachtsmomente", das ist eben Fernsehen!!!! Da kann der ORF einpacken gehen.