Donnerstag, 27. August 2009

Brenners Wiederkehr: Wolf Haas wollte eigentlich nie wieder Krimis schreiben

  • Im NEWS-Talk erklärt er, warum er es doch getan hat
  • "Nie gedacht, in ein paar Jahren schreib ich weiter"

Es soll einem Verleger nichts Schlimmeres passieren: Da erscheint der erfolgreiche Kriminalschriftsteller in Ruhe und legt mit kleiner Geste einen sicheren Bestseller auf den Tisch. Unverlangt und unverhofft. Keiner hatte gewusst, dass Wolf Haas an einem neuen Fall für Simon Brenner arbeitet. Im NEWS-Gespräch erzählt er, weshalb Brenner ein Comeback feiert und wie man mit dem Erfolg lebt.

NEWS: Die Liliputbahn als Krimischauplatz. Haben Sie einen Vorwand gesucht, um endlich fahren zu dürfen?
Haas: Ich bin einmal gefahren. Vor zehn Jahren. Ich hab die Liliputbahn gewählt, weil im Prater alles so klischeehaft und verbraucht ist. Es ist unvorstellbar, das Riesenrad zu verwenden, ohne dass man sich in einen völlig abgenagten Bereich begibt. Und die Liliputbahn, das war irgendwie so unmöglich, so unheroisch.

NEWS: Eine andere unheroische Ecke Wiens ist der Gehsteig vor einer Abtreibungsklinik, wo immer die „Rosenkranzrowdys“, wie Sie sie nennen, demonstrieren.
Haas: Es ist eine äußerst interessante Emotion, die einen erfasst, wenn man an denen vorbeigeht. Selten ist Täterschaft und Opfer so in einer Person verbunden. Das sind natürlich arme Schlucker, die auch missbraucht werden. Gleichzeitig, sind sie unmögliche Gestalten, die einen total aggressiv machen. Nach „Silentium!“ hat mich einer angesprochen: „Ich möchte Sie auffordern, wahrheitsgetreuer über die katholische Kirche zu schreiben.“ Ich wollte fast sagen: So bös, dass ich das tu, bin nicht einmal ich.

NEWS: Wieso haben Sie diesmal auf den legendären Anfangssatz „Jetzt ist schon wieder was passiert“ verzichtet?
Haas: Weil ich die Serie beendet gehabt habe. Der Erzähler durfte auf der letzten Seite vom letzten Roman erstmals in Person auftreten, aber nur, um im selben Satz erschossen zu werden. Ich war recht stolz auf diese Idee. Den Erzähler zu erschießen ist mir passend erschienen, bei einer Serie, die von der Erzählsprache gelebt hat. Ich hab sie wirklich innerlich beendet. Nicht gedacht, in ein paar Jahren schreib ich weiter. Dann ist mir diese schöne Phrase eingefallen: Zu jemand, der an Sprechdurchfall leidet, sagt man: Wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Ich hab gedacht: Sollte ich je wieder einen Brenner schreiben, wäre das die ideale Eingangsphrase. Der Erzähler ist tot, aber sein Maul habe ich zu erschlagen vergessen.

NEWS: Haben Sie sich damals ein Hintertürl offengelassen, indem Sie den Brenner überleben ließen?
Haas: Im Gegenteil: Ich hab mir gedacht, wenn ich die Sprache erschieß, ist das toter, als wenn ich den Brenner erschieß. Der Erzähler war für mich sowieso nie eine realistische Person. Das Buch, das mit dem Leser redet, so war das für mich. Der Brenner und der Erzähler haben sowohl etwas Reales als auch etwas Geisterhaftes. Das Charakteristikum des Brenner ist, dass er keine feste Wohnung hat. Der wohnt immer dort, wo der Fall ist. Man hat das Gefühl, der entsteht mit der ersten Seite und vergeht mit der letzten. Der Erzähler ist ein Sprechgeist. Kennt sich überall aus und ist überall daheim, egal, ob Klöch oder Wien.

NEWS: Wieso haben Sie überhaupt Ihren Entschluss, nie wieder einen Brenner zu schreiben, rückgängig gemacht?
Haas: Es war komisch. In meinem Schriftstellerleben habe ich zwei interessante Erfahrungen mit mir selbst gemacht. Bevor ich den ersten Brenner geschrieben hab, habe ich viele Jahre probiert, einen Verlag zu finden. Irgendwann hab ich es aufgegeben. Hab als Werbetexter gearbeitet, war 35 Jahre alt und hab gedacht: Okay, das war ein Pubertätstraum, Schriftsteller zu werden. Das lasst du jetzt, du kannst nicht dein ganzes Leben dem gleichen Phantasma nachjagen. Indem ich es aufgegeben habe, war ich auf einmal so locker, dass ich zum Spaß meinen ersten Brenner geschrieben habe. Diese Erfahrung habe ich jetzt wieder gemacht. Indem ich diese Serie beendet habe, hat der Brenner auf einmal wieder mir gehört. Aber schreiben wollte ich keinen.

NEWS: Aber dann?
Haas: Ist „Das Wetter vor 15 Jahren“ erschienen. Mein mit Abstand am besten verkauftes Buch. Die Brenner-Romane sind sehr populär beim Leser. „Das Wetter vor 15 Jahren“ ist sozusagen vom „Großfeuilleton“ entdeckt worden. Das war natürlich schön für mich, andererseits war das so ein bissl nobel, dass ich mir gedacht hat: Da wird mir der Brenner direkt wieder sympathisch. Mehr zur Entspannung hab ich eine Seite Brenner geschrieben. Ohne Absicht, das je zu veröffentlichen. Und dadurch, dass es ohne Absicht war, ist es so leicht gegangen.

(Interview: Renate Kromp)

Wolf Haas über seinen Erfolg und die Einsamkeit auf Lesereisen: Das Interview finden Sie in voller Länge in NEWS 35/09!

27.8.2009 08:22

Kino

Men in Black 3

Komödie, Science Fiction - USA, 2012

Regie: Barry Sonnenfeld

Mit: Will Smith, Josh Brolin, Tommy Lee Jones, Alice Eve, Emma Thompson

mehr Info zum Film