Jamaikas Sprint-Superstar Usain Bolt: So
lebt der schnellste Mann der Welt wirklich
- NEWS: Der Raketen-Mann zeigt sein privates Jamaika
- Zwischen Lust und Laster, zwischen Gewalt und Glück
·Schnappschüsse von
der Leichtathletik-WM
Die besten BILDER aus dem Berliner Stadion
·Was ist noch drin bei der 100m-Rekordjagd?
9,15 Sekunden sind laut Experten das untere Limit
·Dopingjäger bringen keine Beute heim
Nur negative Tests nach dem 100-Meter-Finale

Kingston Town, Jamaika. Bauchschuss. Kopfschuss. Kultrapper Ice Sub-Zero hatte nicht den Funken einer Chance. Er war mit einer Freundin die Kessing Avenue entlanggefahren. Als er anhielt, um Zigaretten zu kaufen, näherte sich eine Gruppe Unbekannter, zerrte die Frau aus dem Coupé und feuerte auf Ice. Der Erfinder des Gully Creeper Dance war sofort tot. Blut, das langsam im porösen Asphalt versickerte. Und ein 22-jähriger Riese, der das Gesicht in seinen schlaksigen Armen vergrub: Keiner sollte sehen, wie Usain Bolt um seinen alten Kumpel weinte Das war nur sieben Monate bevor Bolt jene Moves, die ihm Ice auf den drahtigen Leib geschneidert hatte, bei der Leichtathletik-WM in Berlin zur ultimativen Choreografie des Siegers machte. 100 Meter in 9,58 Sekunden, die wildeste Raserei aller Zeiten.
Vollführt von einem Typen, der auf den ersten zehn Metern rasanter beschleunigt als ein Golf und die restlichen 90 Meter schneller spurtet als eine Vespa. Sie nennen ihn den Raketen-Mann. Das Weltwunder, das mit seinem durchschnittlichen Tageseinkommen von 50.000 Dollar überall auf dieser Welt leben könnte. Und dennoch den jungen Temposünder zieht es nach jedem Wettkampf immer wieder instinktiv dorthin zurück, wo Gemächlichkeit Teil der Kultur ist. So, als würde er nur deswegen wie irre rennen, um schneller daheim zu sein.
Fluch der Karibik
Wenn ich mein Zuhause verlasse, bekomme ich sofort Heimweh. Nur auf Jamaika kann ich der sein, der ich wirklich bin. Usain Bolt und sein ganz persönlicher Fluchtpunkt Karibik. Fluch der Karibik: Ausgerechnet dort, wo die Gewalt auf den Straßen eskaliert und ganz nach Belieben jeden Reichen zur Zielscheibe machen kann, ist auch der Hauptsitz von Bolts biederem Glück. Im bescheidenen Bungalow der Eltern in Sherwood Content, im Norden der Insel, wo ihn Vater Wellesley zwischen Güte und Rohrstock wie ein gemäßigter Klon von Jackson-Vater Joe auf Erfolg trimmte: Bei Usain waren nicht oft Prügel nötig.
Usains Idyll
Im kleinen Gemischtwarenladen des Vaters, der seiner Familie stets bescheidenen Wohlstand sicherte. In der überbordenden Trophäenecke gleich neben Mama Jennifers Nähmaschine, wo Mum von Anfang an den kleinsten Zeitungsschnipsel über ihren Junior sammelte, denn: Er hatte schon mit zwölf diesen Killerinstinkt. Im gepflegten Vorgärtchen der kugelrunden Tante Lilly, die mit Vorliebe jene kaliumstrotzenden Riesenknollen namens Yam-Wurzel anbaut, die Usain noch kurz vor dem Startschuss Feuer machen: Vergessen Sie Doping, mit Yam ist der Junge doch viel, viel schneller. Auf der ersten Rennbahn, unten am Sports Ground der William Knibb High School, einem zerfurchten Acker mit Kreidemarkierung und Unkraut- Patina; dort, wo Usain mit Halbbruder Sadeeki, einem ambitionierten Freizeitjogger, noch heute Abfangen spielt: Ich laufe einfach so schnell ich kann, egal, wer sonst noch dabei ist. In seinem neuen, ersten eigenen Einfamilienhaus am Rande von Kingston Town, wo Freundin Mizicann Mitzy Evans, 20, stets geduldig auf ihren müden Helden wartet. Hier ist meine Heimat, hier gehöre ich hin, flötet Usain. Hier ists immer warm, das brauche ich, um mich wohl zu fühlen.
Mitzy, die Muse
Seit sechs Jahren macht die süße Mitzy dem Mann ohne Limit nun schon die Muse: Bei den regionalen Junioren-Ausscheidungen war sie sein erstes Groupie, danach hielten sie Händchen. Als die gemeinsame Zeit schließlich synchron zu seinen Bestzeiten schrumpfte, begleitete sie ihn tapfer strahlend wie ein Solarium zu fast jedem Training. Doch statt sich am Ende des Tages als Victoria Beckham der Leichtathletik auf den VIP-Tribünen zu sonnen, gratuliert sie ihrem Schatz selbst im Moment des größten Triumphs lieber aus sittsamer Ferne per Facebook: Wow! Ich habe fest an die 9,60 geglaubt. Aber du hast meine Erwartungen wie immer übertroffen. Ich bin so stolz
Jamaika, das ist für den begnadeten Raser so etwas wie Seelendoping: Ich bin ein Genussmensch, liebe es zu entspannen. Solange ich das kann, gehts mir gut. Usain Bolt und sein ganz persönlicher Fluchtpunkt Karibik.
Fluch der Karibik: Ausgerechnet dort, wo die Lebenslust wohnt, die er zum Siegen braucht, lauert auch das Laster. Das, was dem göttlichen Usain vielleicht irgendwann einmal zum Kreuz werden könnte, wenns einmal nimmer so läuft. Wenn er einmal nimmer so läuft.
David Pesendorfer
Lesen Sie die komplette Geschichte über Wunderstürmer Bolt im aktuellen NEWS Nr. 34/09!
