Montag, 17. August 2009

Was ist noch drin im 100-Meter-Sprint?
9,15 Sekunden sind laut Experten das Limit

  • Usain Bolt verfügt über perfekte Körperproportionen
  • Sprint-Weltrekordler werden physisch immer größer

Im Laufe der Evolution haben sich die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit verschoben, und in der jüngsten Geschichte des Leichtathletik-Sprints sind bereits viele Studien ad absurdum geführt worden. 9,58 Sekunden über 100 m stehen aktuell zur Analyse, oder besser, jener Mann, der sie am Sonntagabend bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin realisiert hat. Der bald 23-jährige Jamaikaner Usain Bolt, 1,96 m groß, 88 kg schwer. Ein neuer Sprinter-Typ, denn größer bedeutet auch schneller.

Bei den Olympischen Spielen in Peking vor einem Jahr, als es galt, sich mit den 9,69 Sekunden von Bolt auseinanderzusetzen, befragte die APA den Leistungsdiagnostiker Hans Holdhaus, wie das Phänomen Bolt zu erklären sei. Der anerkannte Anti-Doping-Experte wischte Spekulationen vom Tisch und geriet ins Schwärmen: "Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuschauen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass es immer wieder Ausnahmesportler gibt. Bolt ist nur in einer Schnellkraftsportart vorstellbar", sagte der Österreicher, der auf die perfekten Proportionen des Jamaikaners hinwies.

Perfekte Körperproportionen
"Wenn man sich die Beinlänge und die Proportionen der Unter- und Oberschenkel anschaut, aus biomechanischer Sicht ist das perfekt. Er gewinnt bei jedem Schritt zehn Zentimeter, die Hebelverhältnisse sind so günstig, er braucht nicht mehr die Kraft, die andere brauchen. Perfekte Voraussetzungen. Über 200 Meter kommt es noch deutlicher durch, weil der Lauf viel länger dauert", beschrieb Holdhaus die Vorzüge. "Mit seinem Schritt ist er leichtfüßig unterwegs, das ist ein komplett neuer Typ Sprinter. Ben Johnson und andere, unabhängig vom Doping, das waren reine Muskelpakete. Bolt ist leichtfüßig und ein im Vergleich dazu schmächtiger Athlet."

45km/h schnell
Wäre Bolt am Sonntagabend durchs Stadtgebiet gelaufen, wäre er der Radarfalle gerade noch entkommen. Eine Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h wurde errechnet, zwischen 60 und 80 Metern lag der Schnitt bei schwindelerregenden 44,7 km/h. In Peking war das Maximum 43,9 km/h gewesen. 41 Schritte benötigte Bolt im WM-Finale bei einer durchschnittlichen Schrittlänge von 2,44 Meter.

Größer ist gleich schneller, das ist physikalisch erklärbar. Jesse Owens war nur 1,78 Meter groß, Carl Lewis 1,88, Asafa Powell 1,90, und Bolt schaut mit 1,96 auf die Konkurrenz herab. Alle waren in ihrer Zeit die Besten und stellten Weltrekorde auf. Bolt wird voraussichtlich nochmals nachlegen und hält sogar 9,4 Sekunden für möglich. Laut biomechanischer Analyse hatte der Jamaikaner am Start in Berlin mit 0,146 Sekunden nur die sechstschnellste Reaktionszeit. Und längst haben sich Forscher auch die Mühe gemacht, sich den Olympia-Lauf von Peking nochmals vorzunehmen: Wäre Bolt damals voll durchgelaufen, wäre die Uhr bereits bei 9,55 gestoppt!

Ist 9,15 das Limit?
Im Oktober 1997 waren Wissenschafter im Rahmen des vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) veranstalteten Seminars "Menschliche Leistungen: Grenzen und Möglichkeiten" in Budapest zum Schluss gekommen, dass Athleten aufgrund der limitierten Organkapazität irgendwann einmal an ihre Grenzen stoßen werden. Der Physiologe R.H. Morton legte sich fest, dass der Mensch niemals schneller als 9,15 Sekunden über 100 m wird laufen können. Damit hat sich der Neuseeländer weit rausgelehnt, denn andere Experten sehen das Ende bald gekommen bzw. mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie sich dank Usain Bolt bereits geirrt haben.

Zu Beginn 2008 meinten französische Forscher, dass die Sportler bei ihren Rekorden 99 Prozent der körperlichen Leistungsfähigkeit bereits ausgeschöpft haben, laut statistischem Modell wären 2027 die körperlichen Grenzen zu 99,95 Prozent erreicht. Damit hätte es den Berlin-Weltrekord niemals geben dürfen, denn 9,726 Sekunden waren für 100 m als absolute Untergrenze angesehen worden.

Homo sapiens noch nicht an Leistungsgrenze
Mark Denny von der Stanford University legte sich laut dpa-Meldung im "Journal of Experimental Biology" fest, dass nach einer mathematischen Analyse das Maximum bei 9,48 Sekunden liege. Denny sammelte Sprintzeiten von Rennen von Menschen sowie Hunden und Pferden, es zeigte sich, dass die Tiere schon lange an ihrer Leistungsgrenze angekommen sind - der Homo sapiens jedoch nicht.

Unter dem Titel "Rennt so ein Mensch?" hat sich "der Tagesspiegel" mit diesem Thema auseinandergesetzt. Statistik-Professor John Einmahl kam mit Hilfe der Extremwerttheorie (Rekordwerte und Zeiten anderer Athleten werden berücksichtigt) auf einen Grenzwert von 9,29 für Männer, kürzlich revidierte er seine Prognose auf 9,51.

Es gebe viele Methoden, Vorhersagen zu machen, sagte Joachim Mester vom Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Sporthochschule Köln gegenüber der Zeitung. "Meistens werden aber die Weltrekorde der letzten 30 bis 50 Jahre genommen, eine Kurve durch die einzelnen Punkte gelegt und dann in die Zukunft verlängert." Die Kurve zeige eine leichte Steigung, aber niemand könne sagen, wann sie verschwinde. Er sehe aber alle Prognosen "sehr skeptisch". Schließlich sei man früher noch auf Asche und ohne Spikes gelaufen.

(apa/red)

17.8.2009 14:11