Ein einziger Tag entschied über das "First":
Die altehrwürdige Vienna feiert Jubiläum
- Österreichs erster Fußballclub wird 115 Jahre alt
- Sechsfacher Meister lebt vom Glanz alter Zeiten

Ein Tag, ein einziger verdammter Tag! Wäre der Vertreter des Vienna Cricket und Football Clubs doch rechtzeitig zur Statthalterei aufgebrochen - vielleicht würde dann das "First" im Prater beheimatet sein. So aber hat die Vienna von der Hohen Warte im Jahr 1894 als erster Fußballverein Wiens (und aus heutiger Sicht auch Österreichs) seine Satzungen zur Genehmigung eingereicht. Der amtliche Stempel sauste auf das Dokument hernieder und besiegelte den Döblingern für die Ewigkeit die Pole-Position im Vereinsregister. 115 Jahre sind seither vergangen - Grund genug für einen Blick zurück zu den Anfängen.
Die Gründungsversammlung des "I.V.F.C." wurde am 22. August 1894 im Gasthaus "Zur schönen Aussicht" - natürlich auf der Hohen Warte - abgehalten. Ein gewisser William Beale entwarf das bis heute gültige Clubabzeichen, einen von drei Beinen umrahmten Fußball, in Anlehnung an seine Heimat, der "Isle of Man". Als Clubfarben wurden die Farben des Hauses Rothschild gewählt - blau und gelb.
Aufgestachelt durch die "Niederlage am grünen Tisch" brannten die Cricketer natürlich auf Revanche auf dem grünen Rasen. Die Chance dazu bot sich am 15. November 1894, im Rahmen des ersten Fußballmatches, das je in Wien ausgetragen wurde. "Die Vienna und die Cricketer spielten gegeneinander in Heiligenstadt auf der sogenannten Kuglerwiese, die heute längst verbaut ist. Die Cricketer gewannen 4:0 und siegten auch im Rückspiel, das am 25. November im Prater durchgeführt wurde, mit dem gleichen Resultat", schrieb der legendäre Radio-Reporter, Schiedsrichter, Trainer, Sportclub- und Teamspieler und schließlich Professor Willy Schmieger im Jahr 1925.
Nicht ohne harte Püffe und Stöße
Im charmanten Stil damaliger Zeilenakrobaten kramte Schmieger in Erinnerungen: "Das Spiel war in jener Epoche natürlich viel primitiver als heute. Der Spieler war nur von dem Gedanken beseelt, den Ball so schnell wie möglich in das feindliche Tor zu bringen, und verschmähte jeden Weg, der nicht als der kürzeste zum Ziel zu führen versprach. Wer also den Ball erwischte, sandte ihn mit einem mächtigen und meistens hohen Stoße in der Richtung auf das feindliche Tor und nun begann die wilde Jagd nach dem Leder, bei der es nicht ohne harte Püffe und Stöße abging."
Die Jugend staunte nicht schlecht über die schnauzbärtigen Balldompteure, die mangels Kopfballspiel mit eleganten Kappen samt Quaste aufliefen. Bald schon wurde die Vienna als "first" Wiener Fußballclub zum Vorbild für viele andere "ballesternende" Gruppierungen, die sich Vereinsnamen gaben. Der F.C. 98 zum Beispiel, die Hungaria, Vindobona, Olympia oder die Austria, die in keinerlei Verwandtschaft zur heutigen steht. Im Herbst 1895 gastierte der Grazer Akademisch-technische Radfahr-Verein (später: GAK) in der Hauptstadt, aber die Wiener Clubs hatten viel mehr für die Prager Vereine übrig, denn der DFC, die Regatta oder die Slavia beherrschten bereits Ansätze von Mannschaftsspiel, das sie sich wiederum von der 1889 gegründeten Berliner Viktoria abgeschaut hatten.
"Komitee zur Veranstaltung von Fußballwettspielen"
Doch dann erschien eine geradezu revolutionäre Gestalt auf der Bildfläche: M. D. Nicholson, ehemaliger "Professionalspieler", der als Mitarbeiter des englischen Reisebüros Cook nach Wien kam und die Fußballszene auf den Kopf stellte. Der edle Brite schlug nebst einigen gekonnten Haken und Flanken für die Vienna auch die Gründung eines "Komitees zur Veranstaltung von Fußballwettspielen" vor, den späteren ÖFB. Zu Ostern 1899 war aber auch Mister Nicholson machtlos, als Studenten aus Oxford gegen eine Wiener Auswahl relativ locker 15:0 siegten. Mit dabei noch weitere Ur-Döblinger: Wagner, Goldberger, Eckstein, Zander, Soldat und Leuthe.
Dieses Match war richtungsweisend für die Entwicklung des heimischen Fußballs. Tief beeindruckt begannen die Wiener die Spielweise der Engländer nachzuahmen. Nur drei Jahrzehnte später sollte sich das eifrige Abpausen bezahlt machen. Am 14. Mai 1930 (das "Wunderteam" wärmte sich bereits auf) trotzte man den einst übermächtigen Vorbildern von der Insel ein ehrenvolles 0:0 ab. Aus den paar Schaulustigen, die zur Jahrhundertwende den Spielfeldrand säumten, waren mittlerweile 61.000 Zuschauer geworden. Sie pilgerten regelmäßig hinauf zur Hohen Warte, einer damals nahezu uneinnehmbaren Festung - und bis heute Heimstätte des "First Vienna Football Club".
Sechs Meistertitel
Dieser darf seit der aktuellen Saison wieder in zweitklassigen Spielen mitwirken. Erstklassig waren die Döblinger viele, viele Jahrzehnte gewesen, sie zählten auch lange Zeit zu den Besten. Insgesamt sechs Meistertitel (zuletzt allerdings vor 54 Jahren/1955) und drei Cup-Triumphe (zuletzt 1937) sowie ein deutscher Pokalsieg (1943/3:2 gegen LSV Hamburg) nachdem sie ein Jahr vorher im Kampf um den deutschen Meistertitel erst im Finale an Schalke mit 0:2 gescheitert waren, stehen zu Buche. Der Mitropacupsieg 1931 soll auch nicht vergessen werden. Asse wie Pepi Blum, Karl Koller, Hans Krankl, Andreas Herzog, Mario Kempes oder der aktuelle Trainer Peter Stöger, um nur ganz wenige zu nennen, trugen einst den gelb-blauen Dress.
Heute feiern die Döblinger auf der Hohen Warte ab 9:30 Uhr ihr Jubiläum mit u.a. dem Derby gegen den Sportclub (Anpfiff 10:30).
(apa/red)
