Mittwoch, 19. August 2009

Schicksalswahl für Präsident Obama? Kritik wegen offensiven Kriegskurs in Afghanistan

  • Pessimisten in Washington fürchten "zweites Vietnam"
  • In den letzten Monaten US-Blutzoll ständig gestiegen

Die Berater im Weißen Haus wird es geschüttelt haben. "Herr Obama klang manchmal wie Herr Bush", schrieb mit spitzer Feder die liberale "New York Times", die dem demokratischen Präsidenten eher wohlgesonnen ist. Tatsächlich erinnerten Obamas Worte vor Veteranen in Phoenix fatal an seinen unpopulären Vorgänger - und das beim heiklen Thema Krieg. "Die Sicherheit der Amerikaner ist meine größte Verantwortung." Das sei sein erster Gedanke beim Aufstehen, sein letzter beim Schlafengehen, beteuerte Obama, der zunehmend wegen seines offensiven Kriegskurses in Afghanistan kritisiert wird.

Pessimisten in Washington fürchten ein "zweites Vietnam", zumal in den vergangenen Monaten der Blutzoll ständig gestiegen ist. "Ich werde nicht zögern, Gewalt anzuwenden, um das amerikanische Volk und unsere lebenswichtigen Interessen zu verteidigen", betont Obama. Der Afghanistan-Krieg sei ein Gebot "der Notwendigkeit, nicht der Wahl". Ähnlich hatte George W. Bush seine Kriegsentscheidungen gerechtfertigt.

"Obamas Krieg"
Auch wenn es der Republikaner aus Texas war, der 2001 nach den Terroranschlägen vom 11. September - gemeinsam mit Alliierten - den Waffengang am Hindukusch begann, wird der Afghanistan-Krieg zunehmend zu "Obamas Krieg" - und sicher mitentscheidend für den Erfolg seiner Präsidentschaft. Denn der Demokrat, der den Irak-Krieg so schnell wie möglich beenden will, misst dem Afghanistan-Konflikt höchste Priorität bei, sucht mit neuer Strategie und massiven Truppenverstärkungen den Sieg über Al-Kaida und Taliban. Selbst im Pentagon gibt es Skeptiker, die bezweifeln, ob das überhaupt möglich sein wird.

Zwischen 450.000 und 600.000 Soldaten bräuchte es in Afghanistan, um den Widerstand der Aufständischen zu brechen. Diese völlig unrealistische Zahl ergibt sich rechnerisch aus den Grundsatzpapieren der US-Militärs, die für solche Krisengebiete die Faustregel von "20 Sicherheitskräften pro 1.000 Einwohner" nennen. US-Präsident Obama kann nur hoffen, dass die Theoretiker im Pentagon unrecht haben.

Denn trotz der US-Truppenverstärkungen um 21.000 Mann werden Ende 2009 insgesamt nur etwa 100.000 alliierte Soldaten sowie rund 175.000 afghanische Männer unter Waffen im Einsatz sein. Afghanistans Truppen gelten aber als nur beschränkt einsatzfähig. Kein Wunder, dass die US-Generäle neue Truppen fordern - selbst US-Sicherheitsberater James Jones will dies nicht mehr ausschließen.

Der neue Oberkommandierende der US-Truppen in Afghanistan, General Stanley McChrystal, sagt noch einen langen Krieg mit vielen Opfern voraus. Auch Obama fordert einen "langen Atem". Aber niemals dürfe Afghanistan "wieder ein sicherer Hafen für die Al-Kaida werden". Washington setzt in Afghanistan auf die Strategie, die im Irak Erfolge brachte: Mit militärischer Härte und verstärkten Truppen soll Sicherheit geschaffen werden. Gleichzeitig werden lokale Bündnisse mit Taliban-Gruppen oder afghanischen Stämmen angestrebt - und sei es mit massiven Bestechungen.

Experten wie Stephen Biddle vom "Rat für Auslandsbeziehungen" in Washington warnen vor einer Überschätzung Afghanistans. Hochburgen und Rückzugspositionen der Islamisten und Terroristen befänden sich längst im kaum kontrollierten pakistanischen Grenzgebiet. Ohnehin sei das instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal und seiner amerikafeindlichen Bevölkerung möglicherweise die größere Bedrohung für die USA. Allerdings hätte die Rückkehr der Taliban nach Kabul auch fatale Konsequenzen für die Stabilität Pakistans, das in die Hände von Radikalen fallen könnte. Das wäre dann der wirkliche Alptraum für die USA, schrieb Biddle in der Zeitschrift "The American Interest".

Unkontrollierbar?
Schon einmal war ein charismatischer US-Präsident für einen Krieg, der für die Amerikaner zu einem Desaster werden sollte. John F. Kennedy war es, der den Weg zum Vietnam-Krieg der USA bereitete. Obama weiß, dass ihm ein ähnliches Schicksal in Afghanistan drohen könnte. Denn noch nie in der Geschichte ist es einer ausländischen Militärmacht gelungen, dieses unwegsame Land mit seinen Mohnfeldern und seiner Drogenwirtschaft, seinen archaisch-stolzen und eigenwilligen Stämmen unter Kontrolle zu bringen.

(apa/red)

19.8.2009 16:11