Adamovich-Sager regen auf: Warum
lässt er Natascha Kampusch nicht in Ruhe?
- NEWS: Kommissionsleiter im Kreuzfeuer der Kritik
- Im Talk legt er nach: 'Wir sind keine Lausbubenpartie'
PLUS: Nataschas Mutter droht Adamovich mit Klage

·Nataschas Mutter droht jetzt mit Klage
Adamovich soll wegen Interviews vor Gericht
·Anwalt fordert nun
"Ruhe" für Natascha
NEWS: "Was sie macht, ist für uns zu akzeptieren"
·Der Entführungsfall
Eine Chronologie der Causa: Von ihrem Verschwinden bis hin zur Flucht
·GRAFIK: Grundriss von Kampuschs Verlies
Klo, Bett und Schränke auf winzigstem Raum
Das Büro des derzeit meistumstrittenen Mannes der Republik im Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg zeigt schon ein wenig Patina: die Tapeten leicht vergilbt, die rote Sesselpolsterung ein wenig erbleicht. Am Schreibtisch türmen sich Berge von Akten, hinter der intellektuellen Unordnung sitzt Ludwig Adamovich, Vorsitzender des Evaluierungsausschusses zur Causa Kampusch, und lässt im Interview mit NEWS eine Wortsalve nach der anderen los: Wir sind hier schließlich keine Lausbubenpartie. Oder, an anderer Stelle: Mir platzt jetzt gleich der Kragen.
Bis vor wenigen Wochen galt der 77-Jährige als Grandseigneur der heimischen Juristen, stand er doch bis 2002 dem Verfassungsgerichtshof als Präsident vor. Keine Attacke konnte dem smarten Mann was anhaben. Nun jedoch steht der honorige Mann unter Dauerfeuer. Die Chronologie der Erregung: Den Stein ins Rollen brachte Adamovich im Juni 2009, als er in einem NEWS-Interview erstmals beklagte, dass im Fall Natascha noch sehr viele Fragen offen sind. Zwei Wochen später legte er im profil nach. Es sei für ihn ziemlich klar, dass Nataschas Entführer Wolfgang Priklopil Mittäter hatte. Und letzten Sonntag sinnierte er in einem Interview mit der Krone darüber, ob Nataschas Leben in der Gefangenschaft nicht allemal besser gewesen wäre als das, was sie davor erlebt hat.
Harte Kritiken
Seit Wochenbeginn wird Adamovich wegen dieser Äußerungen heftig attackiert. Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker etwa bezeichnete ihn als selbst ernannten Detektiv und Familientherapeuten, Nataschas Anwalt Gerald Ganzger apostrophiert die Zitate als entbehrliche Aussagen. Im NEWS-Interview nimmt Adamovich jedoch nichts von seinen Aussagen zurück. Im Gegenteil.
NEWS: Herr Adamovich, ist Ihnen irgendwas von Ihren aktuellen Aussagen zum Fall Kampusch unangenehm?
Adamovich: Überhaupt nichts. Mir platzt jetzt ohnehin bald der Kragen wegen dieser Angriffe. Ich und meine fünf Mitglieder in dieser Kommission sind ja schließlich keine Lausbuben. Wir haben im Juli 2008 den ehrenamtlichen Arbeitsauftrag übernommen, die Causa zu evaluieren, und den führen wir jetzt aus. Sie können im Übrigen jedes Mitglied zu meinen Stellungnahmen befragen: Die sind alle vollinhaltlich meiner Meinung.
NEWS: Auch, dass Nataschas Kindheit vielleicht nicht viel weniger schlimm war als die Gefangenschaft?
Adamovich: Auch das. Wir kennen Vernehmungsprotokolle von Zeugen, die das Verhältnis von Nataschas Mutter Brigitte Sirny zur Tochter detailliert beschreiben. Und ich sage Ihnen, da ist nicht sehr viel Liebevolles passiert.
NEWS: Das heißt aber doch noch lange nicht, dass ein minderjähriges Mädchen Spaß daran gefunden hat, mehr als acht Jahre in den Händen eines Entführers zu sein.
Adamovich: Das habe ich auch nie behauptet. Man muss mei- ne Zitate schon genau lesen. Ich habe nur gesagt, dass die Annahme möglich ist, wonach Natascha ihre Gefangenschaft weniger dramatisch empfunden haben könnte, als das Außenstehende beurteilen können. Dafür gibt es zumindest einige Indizien.
NEWS: Welche?
Adamovich: Würde ich sie nennen, könnte ich zukünftige Ermittlungen stören und andererseits betroffenen Personen die Möglichkeit eröffnen, mich wegen Verleumdung zu klagen. Das kann ich einfach nicht machen, verstehen Sie?
NEWS: Aber so gelten Sie andererseits als Wichtigtuer, der mit den Fakten knausert.
Adamovich: Schauen Sie: Was da gegen mich geführt wird, ist eine ziemlich wilde Kampagne. Ich will hier keine Verschwörungstheorien zurechtzimmern. Aber es gibt offensichtlich gewisse Kreise in diesem Land, die eine andere Absicht haben als ich und meine Kommission. Wir sind der Wahrheit verpflichtet, und die sollte jetzt wirklich einmal ans Licht kommen.
Walter Pohl
Was Adamovich über mögliche Mittäter und Opferschutz sagt, lesen Sie im NEWS 32/09!
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