Wird Natascha jetzt noch einmal befragt?
Adamovich drängt auf weitere Ermittlungen
- Kommissionsleiter: "Einsicht, dass mehr offen ist"
- Kampusch-Anwalt fordert Ende des Behördenstreits

Die Evaluierungskommission im Entführungsfall Natascha Kampusch drängt auf eine Weiterführung der Erhebungen. "Wir haben einen Brief an die Frau Bundesministerin für Inneres geschrieben, da steht drinnen, dass man dem Eindruck gewonnen hat, dass die Ermittlungen fortgesetzt werden sollen, auch aufgrund von noch ausstehenden Befragungen", so Leiter Ludwig Adamovich.
Die Einsichtnahme des Bundeskriminalamts (BK) in das bisher von der Wiener Staatsanwaltschaft unter Verschluss gehaltene Einvernahmeprotokoll habe "vor allem neue Fragen" ergeben und die "Einsicht, dass mehr offen ist", so Adamovich. "Das ist sicher nicht erledigt", meinte der Ex-Verfassungsgerichtshofpräsident über den Entführungsfall. Auf die Frage, ob es dabei auch um einen wiederholt kolportierten angeblichen Mittäter von Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil oder Kinderpornografie geht, meinte der Kommissionsleiter: "Es geht um alles, da gibt es etliches."
Zahlreiche offene Fragen
Grundsätzlich sieht Adamovich drei offene Fragenkreise: Die Modalität der Entführung und technische Fragen im Zusammenhang mit dem Verlies seien noch nicht vollständig geklärt, betonte er. Kampusch sei während ihrer Gefangenschaft außerdem gelegentlich draußen gewesen, daher müsste hinterfragt werden, zu welchen Personen sie Kontakt gehabt hatte.
Zu den noch ausstehenden Befragungen wollte Adamovich keine Details nennen. Ob und wie lange die Ermittlungen fortgeführt werden, entscheide das BK. "Wir sind keine Ermittler, wir geben nur Empfehlungen", so der Kommissionsleiter. Seit November 2008 klärt das BK im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien Ermittlungsansätze auf, die sich im Zuge der Aufklärung des Entführungsfalls ergeben hatten.
Staatsanwaltschaft: SoKo erfüllte Auftrag nicht
Die Staatsanwaltschaft Wien will sich von dem Vorwurf freisprechen, es wären bis heute nicht alle in Frage kommenden Personen vernommen worden. Sprecher Jarosch spielte den Ball an die "SoKo Kampusch" weiter. Einem entsprechenden Auftrag der Staatsanwaltschaft sei diese bisher unzureichend nachgekommen. "Wir haben am 8. November 2008 der SoKo den Auftrag erteilt, mehrere Personen aus dem Umfeld Priklopils zu vernehmen. Bisher ist man dem nur bei einer Person nachgekommen.", stellte Jarosch fest.
Der Behauptung Adamovichs, die genaue Abwicklung der Entführung Kampuschs wäre nach wie vor nicht geklärt, hielt Jarosch entgegen. "Natascha Kampusch ist immer dabei geblieben, dass mit Priklopil nur ein Mann daran beteiligt war."
Ebenso wenig ließ der Behördensprecher Adamovichs Feststellungen gelten, die technische Funktionsweise des Verlieses, in dem Kampusch gefangen gehalten wurde, wäre nicht restlos aufgeklärt und es sei weiters offen, ob Kampusch während ihrer Gefangenschaft Kontakt zu weiteren Personen hatte. Das Verlies wäre von zahlreichen Polizeibeamten und Experten begutachtet worden.
Kampusch-Anwalt fordert Ende des Behördenstreits
Indes fordert Gerald Ganzger, Anwalt von Natascha Kampusch, ein sofortiges Ende dieses öffentlichen Behörden Hick-Hacks: "Alle Beteiligten, Staataanwaltschaft, Evaluierungskommission und Sonderkommission, sollen sich möglichst rasch an einen Tisch setzen und dann festlegen, ob und in welcher Form weitere Ermittlungen notwendig und zielführend sind." Diese ständige Konfliktaustragung in der Öffentlichkeit auf dem Rücken des Opfers sei unerträglich, nicht nur für das Opfer sondern auch für den Rechtsstaat, so der Anwalt weiter. Wenn tatsächlich aufgrund neuer Erkenntnisse weitere Ermittlungen erforderlich seien, dann solle geprüft und möglichst rasch umgesetzt werden. Dieses unwürdige Schauspiel in der Öffentlichkeit müsse aber ein rasches Ende haben. (apa/red)
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