Arigona und Natascha - Zwei Frauen, ein Verbrechen...
- Martin Kubesch: Stellvertretender Chefredakteur
In Österreich ist es immer gut, wenn man nicht auffällt. Nichts fürchten die Menschen mehr, als aufzufallen. Schreibt der Schriftsteller Franzobel
in seinem neuesten Buch Österreich ist schön. Er verarbeitet darin u. a. die Vorkommnisse um die kosovarische Flüchtlingsfamilie Zogaj, die im Jahr 2002 ihr Exil im oberösterreichischen Frankenburg gefunden hat. 2007, als das erste Mal eine Abschiebung der Familie im Raum stand, fanden sich flugs Hunderte Menschen, die für die Zogajs auf die Straße gingen. Abschiebung = Folter stand damals auf den Transparenten zu lesen.
Heute, wo die Abschiebung von Arigona und ihrer Familie offenbar kurz bevorsteht, würde man wohl auch eine Demonstration auf die Beine stellen können wenn sich dadurch die Rückführung der Zogajs beschleunigen ließe. Denn die Frankenburger und offenbar eine Mehrheit der Bürger im ganzen Land sind nicht mehr gut zu sprechen auf die Familie. Nicht umsonst hat die FPÖ den Abschluss (!) ihres EU-Wahlkampfes ausgerechnet in den politisch unbedeutenden Ort verlegt und sich dabei ausführlich dem Fräulein Zogaj gewidmet.
Das Verbrechen der Arigona: Sie ist aufgefallen. Sie hat in den Medien Stimmung für sich und ihre Anliegen gemacht. Sie hat versucht, die Menschen zu berühren und gleichzeitig mit ihrem eigenen Schicksal(Krieg, Vertreibung) fertig zu werden. Und sie hat sich nicht so verhalten, wie man es von Opfern in Österreich am liebsten hat: kleinlaut. Blöder Fehler.
Auch Natascha Kampusch war nie kleinlaut, sondern hat ihren eigenen Weg gewählt, um mit ihrem Schicksal (Betonbunker im Keller, jahrelang eingesperrt und missbraucht) fertig zu werden. Dass ihr jetzt viele Österreicher alles andere als wohlgesinnt gegenüberstehen und die aktuellen Untersuchungen zum Kriminalfall Natascha begrüßen, wundert da nur wenig. Warum sind sie auch nicht einfach so, wie wir sie uns wünschen, die Opfer?

