Fall Kampusch: Volle Aufklärung! Aber nicht auf Kosten des Opferschutzes!
- FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
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format-chefredakteur PETER PELINKA über die jüngste Entwicklung in der Causa Natascha ein Mädchen, das nicht noch einmal zum Opfer gemacht werden sollte.
Ludwig Adamovich ist ein höchst ehrenwerter Mann. Er war ein untadeliger Höchstrichter, der sich auch nie von Politikern einschüchtern ließ, wenn es um die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit ging. Legendär sind etwa seine Kontroversen mit Jörg Haider in Sachen zweisprachige Ortstafeln in Kärnten. Nachdem das Höchstgericht immer wieder eine staatsvertragskonforme Aufstellung gefordert hatte, griff ihn der Kärntner Landeshauptmann mit einem seiner tiefsten Sager an: Wenn einer schon Adamovich heißt, muss man sich zuerst einmal fragen, ob er eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat. Was den Höchstrichter nicht davon abhielt, die spätere Verrückung einzelner Kennzeichnungen durch Haider himself (an solche Aussprüche und Aktionen sollten sich auch jetzt noch all jene erinnern, welche den Verstorbenen ideologisch oder gar ganz real selig sprechen wollen) als das zu bezeichnen, was es war: auf gut Wienerisch eine Pflanzerei.
Es hat also alles Gewicht, was Adamovich meint, natürlich auch im Ruhestand. Obwohl seine jüngsten Wortmeldungen in Sachen Kampusch etwas verblüffen. Okay, der 76-jährige Leiter der seit eineinhalb Jahren existierenden Evaluierungskommission, welche das Vorgehen der Behörden nach der Entführung der damals zehnjährigen Natascha Kampusch unter die Lupe nehmen soll, hat mit seinen Kollegen etliche Versäumnisse und Verfehlungen festgestellt. So haben Polizisten kurz nach der Tat unter 1.520 Besitzern weißer Kastenwagen auch den wirklichen Entführer Wolfgang Priklopil befragt, aber sein Fahrzeug nicht genau untersucht zumindest eine Schlamperei. So unterblieben trotz anonymer Hinweise auch später weitere Untersuchungen gegen ihn zumindest eine Unterlassung. Und so gilt auch heute offiziell der Endbefund, es habe sich bei Priklopil, der bekanntlich gleich nach der Flucht Nataschas vor knapp drei Jahren Selbstmord begangen hat, um einen Einzeltäter ganz der Darstellung des Opfers folgend, im Gegensatz zu der Erstaussage einer damals 12-jährigen, als nicht sehr glaubwürdig beschriebenen angeblichen Zeugin, welche einen zweiten Mann im Entführungsauto gesehen haben wollte. Was wohl dazu beiträgt, dass Adamovich offenbar fest von der Mitschuld von Ernst H. überzeugt ist, eines engen Freundes Priklopils. Adamovich hält daher im profil die Einzeltäter-Wahrscheinlichkeit für sehr, sehr gering und zitiert mehrere Verschwörungstheorien, um sie gleich darauf zu dementieren: die von der Involvierung irgendwelcher höherer Persönlichkeiten (Dafür gibt es bislang keinen Hinweis) oder die vom Wirken eines Kinderpornorings (Dabei ist nichts herausgekommen). Natürlich schlagen solche Meinungen (um mehr handelt es sich nicht) noch immer Wellen. Und natürlich wehrt sich Kampusch, die stets Priklopil als einzigen ihr bekannten Täter genannt hat, dagegen.
Adamovich rüttelt an Proportionen: Selbst wenn es einen zweiten Täter gab, vielleicht auch nur als späteren Mitwisser, auch wenn Behördenfehler evident sind, auch wenn sich Außenstehende schwer vorstellen können, welch komplexe Beziehung sich zwischen einem pubertierenden Mädchen und ihrem Entführer entwickelt haben kann, auch wenn danach manche öffentlichen Bewältigungsversuche Nataschas ungeschickt erscheinen mögen was ändert das am Leid des Opfers, an seinem Recht auf Persönlichkeitsschutz, damals (unter anderem mithilfe unseres Kollegen Alfred Worm) und jetzt? Dass sie schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kann kein Mensch bestreiten. Insoweit (nur insoweit?) verdient sie Mitleid. Sagt Adamovich. Hält sich aber diesmal nicht ganz daran.

