Mit Vollgas bis ans Kaspische Meer: Türkei
unterzeichnet Vertrag für Nabucco-Pipeline
- OMV feiert Gas-Transit-Abkommen als "Meilenstein"
- Regierung führte mit Türkei erfolgreiche Gespräche

·Kostbare "Rohrpost"
vom Kaspischen Meer
OMV will mit der Pipeline
Nabucco mehr Gas geben
·Von Baumgarten bis
nach Aserbaidschan
INFOGRAFIK: Die Route
der Nabucco-Gaspipeline
Was hat die niederösterreichische Katastralgemeinde Baumgarten mit dem aserbaidschanischen Shah Deniz II-Feld gemeinsam? In Zukunft jedenfalls eines: die Anbindung an das von der OMV organisierte Mammut-Pipelineprojekt "Nabucco". Damit die Rohre bis nach Zentralasien verlegt werden dürfen, sind zwar noch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen - die größte Hürde wurde aber nun hochoffiziell beseitigt: Die Türkei setzte ihre Unterschrift unter einen Vertrag, der Anatolien zum Durchzugsgebiet für europäische Pipelines und kaspisches Erdgas macht.
Lange Verhandlungen waren notwendig, um der Türkei diese Vereinbarung schmackhaft zu machen. Auf höchster politischer Ebene wurde debattiert, gefeilscht und gerungen, weil die türkische Regierung einen Teil des durchströmenden Erdgases einbehalten wollte.
Schließlich meldete Wirtschaftsminister Mitterlehner vergangene Woche den Durchbruch: Mit dem türkischen Ministerium sei das ersehnte Übereinkommen erzielt worden. Das Nabucco-Konsortium, dem neben der OMV auch noch fünf weitere europäische Energiekonzerne angehören, freute sich über den "für die Projektentwicklung wichtigen Meilenstein", wie Christian Dolezal auf Anfrage von NEWS.at mitteilte. "Die weiteren Schritte bis zum Baubegin 2011 können jetzt zügig vorangetrieben werden", versicherte der Nabucco-Sprecher.
Harte Verhandlungen
Ein Selbstläufer war die Vereinbarung mit der Türkei nämlich gewiss nicht. Erst vor wenigen Tagen gaben sich nach dem Rückzug der österreichischen Exportkreditversicherer vom Ilisu-Staudammprojekt einige türkische Politiker verschnupft. Aus das Nabucco-Projekt hatte das offenbar wenig Auswirkungen. Man werde sich "jedenfalls einer Sozial- und Umweltverträglichkeitsüberprüfung nach strengen europäischen Maßstäben unterziehen", ließ Dolezal NEWS.at wissen.
Mehr Brisanz dürfte die Frage nach den Quelle haben, aus der das Erdgas über tausende Kilometer nach Mitteleuropa gepumpt werden soll. Das Unternehmen Nabucco ist für den Bau der Pipelines verantwortlich, kauft aber selbst kein Gas. Dafür sind die hinter dem Konsortium stehenden europäischen Energieriesen zuständig, die sich in Zentralasien dafür auch schon in Stellung gebracht haben. OMV bleibt im iranischen South Pars Projekt am Ball und gemeinsam mit dem ungarischen Nabucco-Partner MOL hat man im Nordirak große Gasfelder aufgekauft. Und natürlich sollen mit dem aserbaidschanischen Shah Deniz II-Konsortium bald Verträge geschlossen werden, die Nabucco an das Kaspische Meer anbinden.
Politische Komplikationen
Iran, Irak und Kaspisches Meer? Da sind politische Unwägbarkeiten ja fast schon vorprogrammiert. "Diverse Hürden wird es bei einem multinationalen Gasprojekt, das durch fünf Länder führt, immer geben", gesteht Nabucco-Sprecher Dolezal ein. "Da werden sicher noch politische Gespräche stattfinden", so der Unternehmenssprecher in Hinblick auf irakisches Gas. Immerhin darf sich das Konsortium über politische Schützenhilfe freuen: Spätestens seit Ausbruchs des ukrainisch-russischen Gasstreits hat die Politik ein großes Interesse daran, mit der Anbindung an kaspische Quellen die Versorgungssicherheit Europas zu erhöhen.
Und nicht zuletzt dieses Bedürfnis lässt die Geschäftsmöglichkeiten für OMV, MOL, RWE sowie die Partner Bulgargaz (Bulgarien), Transgaz (Rumänien) und Botas (Türkei) hell erstrahlen. So eine Aussicht vermag dann selbst Baumgarten und ein aserbaidschanisches Offshore-Gasfeld zusammen zu schweißen.
(Stefan Meisterle)

