Sie sind wie füreinander geboren: Lohner & Maertens spielen in Mörbisch "My Fair Lady"
- NEWS traf die beiden zum großen Schauspieler-Gipfel
- Mit 30 Jahren Abstand machen sie gleiche Karriere

Im Gegenlicht über der wolkenverhangenen Seebühne könnte man die beiden leicht miteinander verwechseln. Dieses Schmale, Präzise, Scharfe, dieser Pointensturm im Unterspielten, dieses Alles-sagen-Können mit einer Geste. Als ich überredet wurde, das zu inszenieren, kam für mich nur einer infrage, sagt Helmuth Lohner, 76. Ich hatte Sorge, dass man mich für unseriös oder geldgierig halten könnte. Schließlich kannte ich den Herrn Serafin nur aus ,Dancing Stars. Bis mich der Helmuth mit seiner schönen Stimme angerufen und gefragt hat, ob wir uns nicht einmal im Sacher treffen können. Und nach dem ersten Treffen wars um mich geschehen, sagt Michael Maertens, 45.
Und so ereignet sich in Mörbisch, am anderen Ende der Theaterwelt, ein kleines Stück Geschichte: Zwei überragende Bühnenschauspieler, Sonderformate innerhalb ihrer Generationen, proben gemeinsam die geniale musikalische Komödie My Fair Lady, die sie nicht als Musical kleingeredet wissen wollen. Maertens ist das charismatische Upper-Class-Scheusal Henry Higgins. Lohner inszeniert und verkörpert den Proletarier Alfred Doolittle, dessen Tochter Eliza sich der Linguist Higgins für ein grausames Experiment ausersehen hat.
Wiedergefunden.
Da haben sie einander nun spät gefunden und kennen einander doch seit einer Ewigkeit. Wie alle österreichischen Kinder Grillparzer lesen müssen, mussten wir an der Schauspielschule Lohner schauen, bekennt Maertens ein kleines Trauma ein: Das Video, das Lohner bei den Proben für Schillers Kabale und Liebe zeigt, ist das einzige erhaltene Arbeitsdokument des Regiegiganten Fritz Kortner. Pflichtmaterial also, das auch schon Gert Voss stucken musste. Während indes die Jahrgangskollegen halb sprachlos, halb renitent dem schönen, kühnen Jüngling beim Aufbegehren zusahen, wähnte sich Maertens wieder daheim bei Eltern und Großeltern. Der Name Lohner taucht auf, seit ich denken kann, sagt er und erzählt von der frohen Aufregung, als er daheim das Engagement in Mörbisch bekannt gab. Wie sieht er denn aus? Ist er immer noch so hübsch?, habe Mutter Maertens dringlich angefragt. Die Maertens sind dynastisch mit Hamburgs Theatergeschichte verbunden. Der Vater ist Schauspieler, die Kinder Michael, Kai und Miriam folgten ihm in den Beruf. Großvater Willy Maertens leitete länger als 20 Jahre das Thalia Theater. Seine jüdische Ehefrau Charlotte Kramm hatte den Holocaust dank persönlicher Beziehungen überlebt. Mit ihr stand der am benachbarten Deutschen Schauspielhaus engagierte Lohner noch in Erdmanns Selbstmörder auf der Bühne.
Er, Jahrgang 1933, hatte eine harte Kriegskindheit in Ottakring zu bestehen und arbeitete sich halb autodidaktisch an die Spitze, bis es ihn als sprachraumweit gefragtesten Schauspieler zwischen Berlin, München, Hamburg, Wien und Zürich zerriss. 23 Jahre in Folge bei den Salzburger Festspielen, Tod, Teufel und die Titelrolle im Jedermann inbegriffen, ersetzten die Urlaube. Als er 1997 Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde, spielte er 200 Aufführungen im Jahr. 2006 wollte er sich zur Ruhe setzen und nur noch Opern inszenieren, doch damit war es bald vorbei. Wenn man nichts arbeitet, wird man alt, trieb ihn Lebensgefährtin Elisabeth Gürtler auf die Bühne zurück.
Die Karriere des um 31 Jahre jüngeren Maertens nimmt sich fast wie eine Fotokopie aus. Die beiden haben Rollen, denen selbst reputierliche Kollegen lebenslang hinterher eilen, im Halbdutzend gemeinsam und der Higgins, den Lohner nicht besonders gut an der Zürcher Oper gespielt hat, ist da noch das wenigste: Maertens nennt den Prinzen von Homburg, Hamlet, Peer Gynt, Anatol, den Frosch, den er in Berlin spielt, den Malvolio in Shakespeares Was ihr wollt, der bald als Koproduktion zwischen Zürich und Wien ansteht. Sowie fast den Mephisto, den er schon für das Burgtheater studiert hatte, als der Regisseur Jürgen Gosch erkrankte. Der neue Direktor Matthias Hartmann übernahm selbst und entschied sich für Gert Voss. Ich war empört, weil ich all das aus Ihrer Zeitung erfahren musste, sagt Maertens. Doch der hat in Hartmanns erster Saison auch ohne Mephisto eine Premiere und sechs Übernahmen aus zwei Häusern zu stemmen, wird dort der beschäftigtste Mann und fühlt sich vom Freund ausgequetscht wie eine Zitrone. Ich sagte ihm schon, er soll etwas dosieren, die Leute sehen sich doch an mir satt. Aber, klar, er muss ein Repertoire aufbauen. Und selbst Hartmanns Vorvorgänger greift für seine Rückkehr auf den großen Bringer zu: Claus Peymann nimmt im Winter für zwei Wochen in Wien Wohnsitz, um seinen Berliner Richard II. an die Burg zu übertragen.
Heinz Sichrovsky / Susanne Zobel
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