Wasser-Desaster in der Wiener Albertina:
Nach erster Hilfe bleiben viele Fragen offen
- NEWS über die Flut im Tiefenspeicher und die Folgen
- Schröder für Debakel nicht verantwortlich zu machen
Der Mann heißt Helmut Müslik und soll jetzt einen Orden bekommen. Zu Recht, denn ihn als Retter der Albertina zu bezeichnen ist keineswegs übertrieben: Zum Amüsement der Kollegenschaft hatte der hauseigene Gebäudeverwalter im erst 2006 eröffneten sichersten Tiefenspeicher der Welt drei kleine Blechdächer installiert. Gegen möglichen Staubeinfall, man bedenke, wo hier doch nach dem System des Schweizer Wertpapierdepots alles elektronisch verbunkert ist. Nicht einmal händischer Zugriff auf die Exponate von Dürer, Michelangelo, Klimt, Schiele ist möglich. Diebstahl? Unmöglich bei 80 Zentimeter dicken Betonmauern. Ein Brand? Der wäre durch Sauerstoffentzug rascher gelöscht, als ein Blatt ansengen kann. Nur an etwas so Triviales wie Wasser hat man nicht gedacht, zürnt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder.
Am Dienstag der Vorwoche aber drangen, keiner weiß, woher und wieso, an drei Stellen 2.100 Liter Wasser durch die Decke. Und wären sie nicht auf Herrn Müsliks Blechdächer getroffen und zwischen die Regale abgeleitet worden, sie wären direkt auf Dürers Feldhasen gestürzt, eines von 950.000 Exponaten der bedeutendsten graphischen Sammlung der Welt. So aber ist kein Blatt unmittelbar beschädigt, sagt Schröder. Als allerdings bei Ausbruch der Sinflut auch noch sechs Stunden lang der Strom ausfiel, versagte das
Computer-Ausgabesystem: Niemand konnte an die Blätter heran.
Eine Woche später befinden sich immer noch 75 Prozent der Sammlung im Tiefenspeicher. Das Wasser wurde sofort abgesaugt, aber in den Blättern nistet die Feuchtigkeit, je länger, desto gefährlicher: Bei 70 Prozent Luftfeuchtigkeit beginnen die in altem Papier schlummernden Schimmelpilze ihr Zerstörungswerk. Der ganze Speicher könnte längst evakuiert sein.
Wohin mit der ungeheuren Last an Kunstwerken?
- Die 4.500 bedeutendsten Werke von Michelangelo, Klimt oder Dürer (u. a. der Hase) befinden sich unter idealen Bedingungen an sicherem Ort, sind außer aller Gefahr.
- Den 250.000 weiteren Exponaten, u. a. von Caspar David Friedrich und Rudolf von Alt, die entsprechend der Prioritätenliste in eine ungenutzte Ausstellungshalle gebracht wurden, geht es nicht so gut. In ihnen steckt Feuchtigkeit, sagt Schröder besorgt.
- Nicht zu reden von den 700.000 Werken im Speicher. 60 Luftentfeuchter sind dort in Betrieb, Experten aus dem einschlägig heimgesuchten Dresden wurden beigezogen. Aber wir können Schaden durch Feuchtigkeit nicht ausschließen, sagt Schröder. Wir bekommen die Nässe nicht aus dem Tiefenspeicher. An einem geheimen Ort entsteht schon ein Ersatzlager, Nationalbank und Nationalbibliothek haben sich zur vorläufigen Aufnahme von Kunstwerken bereit erklärt.
Fragen über Fragen
Bleiben immer noch Fragen über Fragen:
- Wie konnte das Dach des angeblich sichersten Speichers der Welt undicht werden? Es kann alles sein, Bau-, Planungs- oder Materialmangel, sagt Schröder. Wasser war jedenfalls zuvor auch schon in den neu errichteten Studiensaal eingedrungen. Klagen wird er, entgegen anderlautenden Meldungen, keine der beteiligten Firmen. Das Ganze ist ein Versicherungsfall.
- Ist Schröder für die Malaise verantwortlich, wie u. a. Stefan Lebensmensch Petzner wissen ließ? Nein. Die Albertina-Sanierung wurde in den frühen neunziger Jahren von Elisabeth Gehrer beschlossen. Schröder übernahm das Institut erst anno 2000 und brachte laut eigener Aussage sogar Einwände gegen das Computer-Ausgabesystem vor. Da sagte man mir, ich wäre ein Mann des 19. Jahrhunderts. Angesichts der Experten des 21. Jahrhunderts könnte das glatt ein Kompliment gewesen sein.
Schröders Statements lesen Sie im aktuellen NEWS 09/27!


