Wir alle sind Siemensianer
- Markus R. Leeb über gefeuerte Akademiker
- PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?
Die Krise hat seit Dienstag ein neues Gesicht: Erstmals seit Jahren gingen Akademiker in Hundertschaften lautstark auf die Straße, weil ihre Firma sie auf die Straße setzen will. Bislang hatten Politiker und Experten von den stark gefährdeten Minderqualifizierten gesprochen, die in erster Line vom Jobverlust bedroht sind. Nun zeigt sich die beinharte Realität: Es kann jeden treffen. Wer hätte vor fünf Jahren auch nur im Entferntesten prognostiziert, dass studierte Techniker aus der Kommunikationssparte einmal von Arbeitslosigkeit bedroht sein könnten? Ich sicher nicht. Dass es sich bei den Demonstranten um Siemens-Mitarbeiter handelt, ist brisant, weil es das Ende einer Ära zeigt. Als Nachrichtentechniker weiß ich, was es bedeutete, Siemensianer (so die Eigenbezeichnung von Siemens-Mitarbeitern) zu sein. Das war eine Lebenseinstellung, kein Beruf. Dazu gehörte auch, dass man das Technologieunternehmen, das zu den größten der Welt zählt, nicht verlässt. Umgekehrt konnte man sich darauf verlassen, dass Siemens bis zur Pension zu seinen Mitarbeitern steht. Diese Bastion ist gefallen. Wir Werktätigen, nicht nur Siemensianer, müssen lernen. In einer Gesellschaft, in der Jobverlust jeden jederzeit treffen kann, darf Arbeitslosigkeit nicht länger als Makel gelten. Wir alle sind Siemensianer.
