Ein Mann greift an! Unser Motorsport-Ass Alexander Wurz im großen NEWS-Interview
- Le-Mans-Sieger über den Triumph und die Formel 1
- PLUS: Warum er gerne Formel-1-Teamchef wäre

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"Würz, bravo Würz" die Mechaniker des französischen Herstellers Peugeot können für kurze Zeit die Krise vergessen und feiern im Werk in Sochaux ihren Le-Mans-Helden Alex Wurz. Und natürlich dessen Teamkollegen Marc Gené und David Brabham. Über den Sieg im 24-S tunden-Klassiker vergisst der 35- Jährige beinah die Formel 1: Seitdem es keine Testfahrten mehr gibt, ist mein Job bei BrawnGP auch nicht mehr das, was er war. Der Königsklasse bleibt er aber als fachkundiger Ko-kommentator der F1-Rennen im ORF (neben einem farblosen Ernst Hausleitner) hautnah verbunden.
News: Machen Ihre beiden Le-Mans-Siege vielleicht nicht in Erfüllung gegangene F1-Träume ein bisschen wett?
Wurz: Nein. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Beide Le-Mans-Siege waren für mich einfach sensationell. Der erste, weil ich ihn als jüngster Fahrer errungen habe. Der zweite jetzt, weil wir uns das teamintern und auf der Strecke erkämpft haben wie die Löwen. Das war nicht einfach. Ich bin aber auch mit meinen zwölf Formel-1-Jahren, die dazwischenlagen, durchaus happy.
News: Sind Sie, vom Le-Mans-Auto einmal abgesehen, je einen Peugeot gefahren?
Wurz: Früher Leihwagen. Jetzt fahre ich wegen der Größe meiner Familie privat einen Peugeot Tepee. Das ist ein neunsitziger Bus, natürlich mit Dieselantrieb.
News: Wo liegen, von Fahrerseite aus betrachtet, die Hauptunterschiede zwischen den beiden Rennserien?
Wurz: Le Mans ist ein Einzelevent, aber ein extrem traditionsbehafteter. Wenn man da vom Podest runterschaut, sieht man 80.000 begeisterte Zuschauer. Und wenn man sich an den GP in der Türkei erinnert, wo sich 9.000 Zuschauer auf den Tribünen verloren haben, sieht man den Unterschied. Trotzdem: Es ist irgendwie ein Vergleich Äpfel mit Birnen.
News: Was unterscheidet aber die Autos?
Wurz: Auf den Geraden und in schnellen Kurven sind wir etwas schneller als die F1-Autos. Nur das Gewicht, 300 Kilo mehr, macht sich beim Bremsen und in langsamen Kurven bemerkbar. Die Leistung ist vom Diesel ein bisschen höher, schon wegen des Doppelturbos. Vom Fahren sind die Autos durchaus ähnlich: einfach brutal schnell.
News: Geht Ihre Karriere als Langstreckenpilot weiter?
Wurz: Peugeot nimmt heuer noch an drei bis vier Rennen teil. Ob ich dabei zum Einsatz komme, ist momentan Diskussionsthema. Ich würde sehr gerne wollen, weil mir der 908 HDI brutal taugt.
News: Was würde Sie denn am Job eines F1-Teamchefs reizen?
Wurz: Es wäre eine Riesenherausforderung, der ich mich stellen könnte, da mir von meinem Vater auch das vernetzte Denken mitgegeben wurde. Als ich mit meinem Freund Markus Reiner ein Mountainbike-Profiteam hatte, gab es eine ähnliche Aufgabenstellung: eine perfekte Teamatmosphäre aufzubauen, das Beste aus den Leuten rauszuholen und eine Struktur zu bilden, in der sich Erfolge automatisch ergeben. Das ist uns mit zwei Weltcupsiegen in vier Jahren auch gelungen. Obs reicht, auch in der F1 einen guten Teamchef abzugeben, werden wir gegebenenfalls in ein paar Jahren sehen.
News: Sechs Siege in acht Rennen jetzt nimmt BrawnGP keiner mehr die Mär von der langen Vorbereitungszeit und vom Doppeldiffusor ab
Wurz: Der Doppeldiffusor ist nur ein kleines Steinchen zum Erfolg. Das Siegerauto macht aber aus, dass BrawnGP in Wirklichkeit kein neues Team, sondern ein etabliertes ist, das mit irrem Aufwand operiert hat. Wäre keine drastische Reglementänderung für diese Saison gekommen, hätte dieser Aufwand auch nicht viel genützt. So aber wurde das Auto im Windkanal in drei verschiedene Richtungen entwickelt. Zwei Wege haben sich als falsch erwiesen, so konnte das Team umswitchen. Der Brawn ist vermutlich das teuerste Auto mit dem vermutlich geringsten operativen Budget in der ganzen Startaufstellung.
News: Das aber jetzt von Red Bull überholt wird?
Wurz: Ich vergebe zwar 10 von 10 Punkten für die Dominanz von Red Bull in Silverstone, und Sebastian Vettel wird, wenn er sich weiter auf das Wesentliche besinnt, seinen Höhenflug fortsetzen. Ich würde aber sagen, dass BrawnGP und Red Bull auf gleicher Augenhöhe liegen. Je nach Strecke wird einmal der eine, dann der andere gewinnen. Ein Garant für eine spannende Saison.
News: Wieso ist Jenson Button heuer zum Siegfahrer gereift?
Wurz: Das hat das Auto aus ihm gemacht. Er ist auch ein schönes Beispiel dafür, dass jeder Pilot gewinnen kann, wenn er nur im richtigen Auto sitzt.
News: Sprechen Sie Button gar seine Qualitäten ab?
Wurz: Nein, gar nicht. Früher war er ein perfekter Fahrer mit tollem Talent, der nicht das Auto hatte, das auch zu zeigen. Jetzt kann er beweisen, dass er ein ganz Großer ist. Unlängst hat mir Jenson, der übrigens ganz down-to-earth geblieben ist, gesagt, dass das Siegen viel einfacher ist als das Fighten um den letzten Punkt wie im Vorjahr.
News: Was heuer das Schicksal von Lewis Hamilton ist
Wurz: Der hat heuer nicht das richtige Auto und überfährt meines Erachtens das Auto auch. Damit war er im Vorjahr schnell, aber heuer geht das Über-dem-Limit-Fahren nicht. Er muss halt Lehrgeld zahlen, denn jetzt hat er zum ersten Mal in seiner Karriere ein Auto, mit dem er sich hinten anstellen muss. Und weil er das noch nicht gewöhnt ist, sind ihm auch schon einige Fahrfehler unterlaufen.
News: Apropos: Sie setzen sich mit Ihrer Firma Test und Training für mehr Sicherheit im öffentlichen Straßenverkehr ein ein aussichtsloses Unterfangen?
Wurz: Die österreichische Bundesregierung hat in Zusammenarbeit mit meinem Vater, dem ÖAMTC und unserer Firma den Mehrphasen-Führerschein entwickelt. Das hat in den ersten drei Jahren einen Rückgang von rund 30 Prozent an tödlichen Unfällen in der Risikogruppe der 18- bis 24-Jährigen gebracht. Und als Nächstes bilden wir alle Busfahrer aus, die in Ägypten im Tourismus tätig sind.
News: Und wie sieht die Verkehrserziehung bei Ihren drei Söhnen aus?
Wurz: Indem ich ihnen spielend erkläre, wo Gefahren lauern. Etwa bei Anhalteweg der Autos. Mein Ältester kriegt 50 Cent für jeden Fehler, dessen er mich beim Autofahren überführt. Ich kann keine Stopptafel mehr überfahren, weil er wie ein Haftlmacher aufpasst, um Geld zu verdienen. So lernt er ad hoc alle Verkehrsregeln.
Axel Meister
