Mittwoch, 24. Juni 2009

Nikolaus Harnoncourt im NEWS-Interview: "Die Kunst überlebt auch in Kellern"

  • Harnoncourt dirigiert Gershwin: Talk zur Premiere
  • "Porgy and Bess": Traurige Lovestory aus den Slums

Die Zeit ist gekommen, sich Träume zu erfüllen. Am 6. Dezember wird der als mächtigster Dirigent der ­Gegenwart geführte Nikolaus Harnoncourt achtzig Jahre alt. Das Fest schenkt er mit einer Premiere im Theater an der Wien an Joseph Haydn weiter, den er mit Feuer und Beharrlichkeit aus Verniedlichungsklischees befreit hat. Das ist, sozusagen, die Ehrenpflicht des Erfinders der Originalklangbewegung, der die Interpretationsgeschichte umgestürzt hat wie keiner sonst im 20. Jahrhundert. Die Träume aber lauten: „Tristan und Isolde“, „Lulu“, „Porgy and Bess“.

George Gershwins 1935 uraufgeführte „Folk Opera“ nistet wie ein Duft aus der Kindheit in Harnoncourts Sehnsuchtswelt. Der Bruder seines Vaters, so erzählt er, war Direktor des Museum of Modern Art in New York. Picasso war sein Freund, doch Beschränkungen kannte der andere Vorzeige-Harnoncourt nicht. Auch der russisch-jüdische Emigrantensohn Gershwin zählte zu seinem Kreis und schickte ihm sein aktuelles Œuvre. Die Partituren gingen weiter zum Bruder in die Steiermark, und so wuchsen die kleinen Harnoncourts mit dem „Summertime“ und „Plenty of nothing“ spielenden und singenden Vater auf.

Gerswhin verbot seine Oper für Weiße
Siebzig Jahre später wird der Traum in Graz halb konzertante Realität, denn die Gershwin-Gesellschaft untersagt szenische Aufführungen im weiteren Umkreis der rastlosen Tournee-Unternehmen. Alle Mitwirkenden mit Ausnahme der Polizisten müssen schwarz sein, und dass der Grazer Porgy ein Maori ist, wurde gerade noch akzeptiert, merkt Harnoncourt an. Ein Nichtarierparagraf? „Das muss man aus der Entstehungszeit begreifen. Es gab hervorragende schwarze Sänger, die in Wirtshäusern auftraten, weil sie in ­keinem amerikanischen Opernhaus eine Chance hatten. Um ihnen zu helfen, verbot Gershwin die Oper für Weiße.“ Ob er sich vorstellen hätte können, selbst Jazzmusiker zu werden? „Nein. Ich habe die Qualität des Jazz früh erkannt, aber die spontane, kreative Fantasie hätte ich mir nie zugetraut.“

Und die anderen Träume? Bergs „Lulu“ wird er, eine Weltsensation, im Sommer 2010 mit Patricia Petibon bei den Salzburger Festspielen dirigieren. Gershwin hatte vor der Komposition von „Porgy and Bess“ Europa und, in Wien, auch den ­bewunderten Alban Berg besucht. Der schenkte ihm eine „Wozzeck“-Partitur, und Gershwin veranlasste nach der Rückkehr die amerikanische Erstaufführung. Wie eine Gegengabe finden sich Jazz­elemente in der „Lulu“, und Harnoncourt entdeckte in „Wozzeck“ und „Porgy and Bess“ identische Terzenfolgen.

Dritter Traum: "Tristan"
Wagners „Tristan“ wäre der dritte Traum, doch der bleibt im Kopf. „Schauen Sie auf den Kalender und mein Geburtsdatum, dann wissen Sie, weshalb. Ich bin froh, wenn sich das, was ich plane, noch ausgeht.“ Fühlt er sich schwach? „Ja, schon.“ Aber das aktuelle Œuvre ist ­energetisch und voller Kraft! „Ja, es war zuletzt eins besser als das andere. Aber das sind schon ein bissl letzte Zuckungen. Ich sage jedem, der mich engagiert, dass er das auf eigenes Risiko tut. Es antwortet aber jeder, das ist seine Sache.“

Was Nikolaus Harnoncourt über sein fortgeschrittenes Alter sagt, und warum er Stildiktate verachtet, lesen Sie in NEWS 26/09!

(Heinz Sichrovsky)

24.6.2009 15:45

Kino

Men in Black 3

Komödie, Science Fiction - USA, 2012

Regie: Barry Sonnenfeld

Mit: Will Smith, Josh Brolin, Tommy Lee Jones, Alice Eve, Emma Thompson

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