Iraner wollen keine Geiselhaft mehr: Kabarettist über die Unruhen im Iran
- Kommentar von Michael Niavarani

Die Menschen haben es satt. Knapp eine Million auf den Straßen in Teheran. Hunderttausende in den Städten Isfahan, Täbris, Mashad und Rascht, ja sogar in der heiligen Stadt Ghom. Menschen, die es satt haben, von ihrem Präsidenten in Geiselhaft genommen zu werden, die es satt haben, von einem Holocaust-Leugner, einem Menschenrechtsverletzter, einem Lügner regiert zu werden.
Diese Menschen fühlen sich betrogen. Man hat ihnen gesagt, sie lebten in einer Demokratie und dann wurden ihre Stimmen nicht gezählt! Diese Menschen haben niemals vorgehabt, das islamische Regime zu stürzen, sie wollten nicht die Mullahs loswerden oder die Velayat-e Faqih, die Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten, abschaffen. Sie wollten lediglich die Überprüfung des Wahlergebnisses mittels einer in der islamischen Republik Iran durchaus legalen Demonstration einfordern. Daraufhin wurde von der Regierung, die den Wahlausgang als vollkommen demokratisch bezeichnete, in Teheran das Handynetz abgeschaltet, es wurde auf Demonstranten mit Schlagstöcken eingeprügelt und am 15. Juni 2009 zum ersten Mal in die Menge geschossen und es gab die ersten Toten.
Persische Geschichte. Wovor hat dieses Regime so große Angst? Am 21. März 500 v. Chr. brachten anlässlich des persischen Neujahrsfestes Hunderte von Delegierten aus den unterworfenen Ländern dem persischen König Dareios dem Großen in Persepolis ihre Geschenke dar. Sie taten dies freiwillig und in dem Bewusstsein, dass ihnen der persische König sowohl die Ausübung ihrer eigenen Religion als auch die Weiterführung ihrer eigenen kulturellen Traditionen gestattete. Das war in vorislamischer Zeit. Im 17. Jh. herrschte im Iran die Kaiserdynastie der Safawiden, die zum ersten Mal in der Geschichte Persiens den schiitischen Islam zur Staatsreligion erhoben hat. Denselben Glauben, der das Fundament der heutigen islamischen Republik Iran darstellt. Damals, im 17. Jh., gab es also zum ersten Mal einen schiitischen Staat im Iran. Einen schiitischen Staat, in dem es möglich war, dass in Isfahan, der damaligen Hauptstadt, christliche Kirchen gebaut wurden. In dem es zu einer Blüte der Literatur und Wissenschaft kam. Ein islamischer Staat, geprägt von Toleranz und kultureller Entwicklung.
Zukunft für die Demokratie? Seit einer Woche gehen Menschen im Iran auf die Stra-ße, um für Gerechtigkeit und Demokratie zu demonstrieren. Sie tun das unter Einsatz ihres Lebens, da mit aller Härte gegen sie vorgegangen wird. Der umstrittene Wahlsieg von Präsident Ahmadinejad ist vielleicht die größte Chance, die der Iran in den 7.000 Jahren seiner Geschichte bekommen hat. Die Chance, endlich eine Antwort auf folgende Frage geben zu können: Sind islamischer Gottesstaat und Demokratie vereinbar? Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Machthaber im Iran in den nächsten Monaten alles tun werden, um uns zu zeigen, welche die einzig richtige Antwort auf diese Frage ist!
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