"Sucht nicht anders als Diabetes": Plädoyer für Suchtkranke - gegen Diskriminierung
- Alkoholkranke sind besonders starke Menschen
- Experte wagt Vergleich mit chronischen Krankheiten

Plädoyer für die Suchtkranken, Plädoyer gegen die Diskriminierung von Abhängigen. - Für den ärztlichen Leiter des Anton Proksch-Instituts, den Wiener Psychiater Michael Musalek, sind die Betroffenen oft psychisch besonders starke Menschen. Die Sucht selbst sei eine chronische Erkrankung wie auch Bluthochdruck oder Diabetes. Dort würde es ebenfalls regelmäßig zu "Rückfällen" kommen, die man den Kranken aber nicht anlasten würde, erklärte der Experte jetzt in einem Hintergrundgespräch.
In Österreich sind rund 330.000 Erwachsene alkoholabhängig, 110.000 bis 130.000 sind abhängig von Arzneimitteln, 20.000 bis 30.000 zählen zu jenen, welche süchtig nach illegalen Drogen sind. Fazit für Musalek: Sucht ist in Österreich kein Randgruppenphänomen, sondern spielt sich - auch wenn die Betroffenen oft ausgegrenzt werden - mitten in der Gesellschaft ab.
Einstellung zu Abhängigkeit und Sucht
Die Einstellung vieler Menschen zu Abhängigkeit und Sucht entspricht laut Musalek nicht den realen Tatsachen. Der Experte: "Die Alkoholkrankheit ist eine der bestbehandelbaren psychiatrischen Erkrankungen. Wir haben einen ähnlichen Outcome wie bei Diabetes oder der Hypertonie." Bei allen diesen chronischen Erkrankungen aber müsse man auch Rückfälle akzeptieren.
Gerade hier seien sie Abhängigen besonders diskriminiert. Musalek: "Einem Diabetiker wirft man auch nicht eine Hyperglykämie (zuviel Blutzucker, Anm.) vor. Wir wissen, dass Alkoholkranke besonders starke Menschen sind. Sie halten mit ihrer schweren Erkrankung unheimlich lange durch." Dabei stünden als ursächlicher Faktor hinter Suchterkrankungen oft psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen etc.
Vergleich mit chronisch Kranken
Auch die Abhängigen von illegalen Drogen werden laut Musalek im Vergleich zu anderen chronisch Kranken von der Gesellschaft extrem benachteiligt. Der Experte: "Es gibt sonst keine einzige Krankheit, wo die Politik entscheidet, was Mittel der ersten oder zweiten Wahl in der Behandlung ist." Aber in der Substitutionstherapie mit Arzneimitteln wie Methadon, Buprenorphin oder retardierten Morphinen sei in Österreich genau das der Fall.
Das Anton Proksch-Institut mit seinen pro Jahr rund 12.000 behandelten Patienten - 10.000 davon ambulant - versucht seit jüngerer Vergangenheit seine Ziele zu adaptieren. Nicht mehr unbedingt die völlige Abstinenz, sondern ein freudvolles Leben der Betroffenen, in dem die Abhängigkeit nicht mehr den zentralen Lebensinhalt darstellt bzw. darstellen muss, ist das Ziel.
(apa/red)
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