Volkshelden am Arbeitsamt: Warum jeder dritte Profikicker stempeln gehen muss
- NEWS: Die Liga der außergewöhnlichen Arbeitslosen
- Hierzulande gibt es 450 Fußballprofis - 150 arbeitslos!

Das Trikot des Nationalteams, das er fünfmal überstreifte. Die Dress von Rapid, wo er einen Meistertitel feierte. Daneben ein GAK-Leiberl. Stadion das war gestern. Heute ist es der Rasen des Mooskirchener Sportplatzes, wo Markus Hiden, 31, für den Fotografen die Versatzstücke seiner Vergangenheit drapiert. Denn seine Gegenwart, die heißt AMS. Jammern ist nicht mein Ding, aber dass die Situation am Markt immer schlimmer wird, lässt sich nicht leugnen.Die große Wirtschaftskrise gibt sich den Kick und wie: 450 Profis sind bei Österreichs Spielergewerkschaft Vereinigung der Fußballer registriert. Davon sind 150 Ballesterer als arbeitslos gemeldet, was einer Rate von astronomischen 33 Prozent entspricht. Tendenz für die soeben angelaufene Transferperiode stark steigend, denn: Sieht man von den Mäzenen-Klubs Salzburg und Wiener Neustadt ab, so werden die Vereine ihre Kader massiv abspecken, befürchtet Rudolf Novotny, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft. Zum Vergleich: In der österreichischen Gesamtbevölkerung, wo die Experten über Rekordarbeitslosigkeit klagen, suchen derzeit gerade einmal 6,3 Prozent einen Job.
Überbezahlt und unterbeschäftigt, bewundert und beneidet, zumindest in den Niederungen des heimischen Fußballs beginnen die Branchenklischees von den tricksenden Millionären rasant zu bröckeln: Während globale Götter wie Franck Ribéry oder Cristiano Ronaldo für dreistellige Millionenbeträge gehandelt werden und pro Tag (!) bis zu 20.000 Euro einstreifen, beziehen viele Ballkünstler hierzulande gerade einmal drei¬stellige Monatsgehälter. 1.200 Euro brutto, also acht Hunderter netto, sind in der zweiten Liga keine Seltenheit und das, obwohl sie als Profiliga geführt wird, beklagt Fußball-Gewerkschafter Gernot Zirngast.
Hauptgrund für den massiven Gehaltsverfall: die heillose Nachwuchs-Überproduktion in den österreichischen Fußballakademien, wo die Stars von morgen am Reißbrett geplant, in Internaten professionell ausgebildet, sogar mit Matura versehen und dann als angehende Jungprofis auf den Markt geworfen werden.
Legende schlägt Alarm
Die Sonnenseite: Aus den boomenden Fußballschulen werden Österreichs Junioren-Nationalteams rekrutiert, die international regelmäßig für Furore sorgen. Die Schattenseite: Die Kaderschmieden arbeiten gnadenlos planwirtschaftlich, ihr Über¬angebot trifft im Echt-Leben kaum auf Nachfrage dabei verlassen bis zu 200 Absolventen pro Jahr unsere Fußballakademien. Córdoba-Legende und Admira-Coach Walter Schachner: Sosehr ich für gezielte Nachwuchsförderung bin aber diese Entwicklungen sind mehr als bedenklich. Er selbst, der Schoko, habe sich in den frühen Jahren noch als Schichthackler bei der Voest¬ durchgebissen, was Anständiges gelernt, ehe er am Nachmittag beim Donawitzer Sportverein mit den Großen trainierte und sich bei den Matches am Wochenende von den Henkern der Gebietsligen nach allen Regeln der Fußballkunst foltern ließ. So leid es mir tut, das ¬sagen zu müssen: Die meisten Akademie-Abgänger werden sich nicht durchsetzen, weil sie nie lernen mussten, sich wirklich durchzubeißen.
Freiwild für Funktionäre
Weshalb die naiven Jung-Trickser nicht selten zum Freiwild profilierungssüchtiger Funktionäre werden: Knebelverträge, Talente, die mit Pseudo-Profiverträgen geködert werden, dann aber als Amateure oder ewige Reservisten versanden und schließlich irgendwann zwischen 25 und 30, wenn für sie im System Fußball kein Platz mehr ist, vor dem beruflichen Nichts stehen von der ersten oder zweiten Bundesliga volley in die Liga der außergewöhnlichen Arbeitslosen. Ex-Teamkicker Markus Hiden, konsterniert: Berufliche Qualifikationen, Joberfahrung Fehlanzeige. Wenn ich den Stellenmarkt der Zeitungen durchblättere, merke ich, was ich und viele andere Fußballer versäumt haben. Die meisten Ex-Profis würden nach einem abrupten Karriereende in eine Art schwarzes Loch fallen, bestätigt Expertin Roswitha Steiner. Das ehemalige Ski-Ass betreut im Rahmen des Sporthilfe-Projekts Kada auch zahlreiche ehemalige Fußballer: 62 Prozent unserer Klienten haben zwar Matura, aber sonst null berufliche Ausbildung.
Zerplatzte Träume
Die wenigen echten Stars der Stadien cashen zwar nach wie vor genug für ein geruhsames Leben danach, doch die breite Masse lebt primär vom Trugbild der großen Karriere. Dem Kindheitstraum vom Fußballstar, den man sich durch nichts und niemanden ausreden lassen will, schwärmt Hiden, der Defensiv-Allrounder, selbst noch aus dem passiven Abseits.
Doch nicht nur die große Spielerschwemme im kleinen Österreich macht unsere Fußballer zur Berufsgruppe mit der am Abstand höchsten Arbeitslosenrate. Auch der ökonomische Druck, der auf den Vereinen lastet, steigt stetig. Und so ist im Vergleich zu den fetten Jahren, wo forsche Spieler ihren Betreuern noch ungestraft auf der Nase herumtanzen durften, heute bereits beim geringsten Fehlschuss Schluss mit lustig. Ich hatte einen kleinen Wickel mit dem Trainer, da war ich weg, erzählt Thomas Eder, mit seinen 28 bereits Ex-Nationalteamspieler.
Der defensive Mittelfeldmann, Spezialist für knallharte Weitschüsse, gehört zu jenen heimischen Talenten, die sich im Strafraum des eigenen Selbstbewusstseins verdribbelten: Als ihn der einstige Ried-Coach Helmut Kraft nach einer Verletzung bei den Amateuren in der Bezirksliga einsetzen wollte, kam es zum verbalen Revanchefoul. Und Eder wurde nach unten durchgereicht: Vom Innviertel direkt zur Halbamateur-Truppe des SV Grödig, aus der Salzburger Provinz direkt zum AMS.
David Pesendorfer
Die ganze Geschichte rund um arbeitslose Profisportler auch aus anderen Bereichen des Sports finden Sie im aktuellen NEWS Nr. 24/09!
