Mittwoch, 10. Juni 2009

"Umgebucht, vom Tod auf das Leben":
Report vom Gewitter-Flug 4 Stunden später

  • NEWS: "Wollte von Anfang an nicht in diesen Flieger"
  • "Format"-Redakteurin Silvia Jelincic in Todeangst

Todesangst. ,Format‘-Redakteurin Silvia Jelincic nahm vier Stunden nach dem Unglücksflieger der Air France denselben Kurs. Ihr Report vom Gewitter-Flug.

Eines einmal vorweg: Ich wollte von Anfang an nicht in diesen Flieger steigen. Und das ist nicht nur so ­dahergesagt. Irgendwie hatte ich bei der Sache kein gutes Gefühl. Schon mein „Regionalflug“ von Buenos Aires, Argentinien, nach São Paulo, Brasilien, war eine einzige Wackelpartie. Es hatte geregnet, heftige Windböen erschwerten den Landeanflug. Mir war schlecht, da halfen auch die beruhigenden Worte meiner Freundin Ines wenig. Nach der holprigen Landung war ich alles andere als erleichtert. Ich dachte mir nur: „Na bravo! Das fängt ja gut an.“

Das Gewitter war absehbar Jetzt sollte es also von São Paulo über den ­Atlantik nach Paris gehen. Beim Gedanken an den Weiterflug wurde ich unruhig. Ich fliege nicht wirklich gerne, und bei Schlechtwetter fliege ich schon gar nicht gerne. Auch wenn es immer heißt: „Ach, Fliegen ist doch eh so sicher. Beim Autofahren passiert viel mehr.“ Ja, ja, schon gut. Geschlagene drei Stunden saßen meine Freundin Ines und ich am Gate und warteten auf unseren Anschlussflug. Während wir quatschten, prasselte der Regen gegen die dunklen Glasscheiben, zunächst leise, dann immer heftiger. Ich war besorgt. „Das passt schon“, sagte Ines noch.

Auf einmal ein heftiger Ruck. Ich wache auf. Ines nimmt meine Hand. „Was ist los?“, frage ich sie. „Turbulenzen, schon länger. Sie werden stärker.“ Ich schließe die Augen: „Scheiße. Das sind also die legendären Gewitter über dem Äquator.“ Ich habe Angst. Die Maschine gerät arg ins Wanken, es fühlt sich so an, als würde sie nach links wegdriften. Merkwürdige Geräusche kommen von außen. Die Turbine knarrt – oder sind’s doch die Flügel? Was, wenn ein Flügel bricht? Der Wind ist so stark. Mir wird übel. Ich bete … Aus dem Cockpit meldet sich einer der Piloten: „Bitte bleiben Sie unbedingt angeschnallt.“ So ein Vollidiot. Warum sagt er nicht, wie lange die Schaukelei eigentlich noch dauert? Im Flieger herrscht Totenstille. Das Schaukeln wird unerträglich. Ich bin stumm vor Angst. Gedanken an den Tod kommen auf. „Was, wenn nachher nichts ist?“ Ich bete. Das Vaterunser, drei-, viermal, immer schneller, ich bitte um Vergebung, bete, es möge weitergehen. Ich will schreien, aber ich kann nicht. Ich bin wie gelähmt. Meine Augen bleiben geschlossen. Dann, auf einmal, ist mir, als bliebe der Flieger stehen. Ich glaube, es ist vorbei. Der Pilot reißt den Airbus nach unten. Sturzflug. Mein Herz steht still.

Gegen 15.30 Uhr landen wir in Paris. Ines und ich fühlen uns müde und erschlagen. Ein Horror-Trip. Noch im Flieger drehe ich mein Handy an. Dutzende SMS von Freunden und der Familie: „Melde dich sofort! Ein Flieger ist womöglich abgestürzt!“ Ich rufe zuhause an. Meine Eltern sind verzweifelt, außer sich vor Sorge. Am Flughafen Paris hatte man ihnen ­gesagt, dass es nicht auszuschließen sei, dass ich auf den Air-France-Flug, den ­vermeintlichen „Todesflug“ umgebucht worden war. Fünf Stunden lang dachten sie, ich sei tot. Ich bin schockiert. Schnell laufe ich ins Cockpit und frage, wann die Maschine denn abgestürzt sei. Dort weiß man von nichts. Die Crew reagiert geschockt und stellt mir Fragen. Absurd: Ich kann ihnen nicht weiterhelfen.
Wir steigen aus. Sofort werden unsere Reisepässe überprüft. Man sucht nach Personen, die umgebucht hatten. Vom Tod auf das Leben. Oder umgekehrt. „Die ist blond, aber, nein, sie ist es nicht“, sagt noch ein Mann, der mich mustert, auf Französisch. Offenbar sieht mir eine der Vermissten ähnlich. Ines und ich beginnen zu weinen …

Der dramatische Flug von Silvia Jelincic. Lesen Sie den ganzen Report im NEWS 24/09!

10.6.2009 12:32