Sonntag, 7. Juni 2009

Ist Roger Federer der Beste aller Zeiten?
Schweizer Tennis-Ass macht sich unsterblich

  • Schreibt neues Kapital in unvergleichlicher Karriere
  • 27-Jähriger kam aus einem Wellental wieder heraus

Jemanden als den Besten in der Geschichte seiner Sportart zu bezeichnen, ist gewagt. Ein Vergleich über die Epochen hinweg hinkt, auch im Tennis. Doch Roger Federer kann sich künftig dieses Attribut auf seine Fahnen heften, ohne Gefahr zu laufen, als Aufschneider bezeichnet zu werden. Am Sonntag erreichte der Schweizer mit seinem ersten Sieg bei den French Open erst 27-jährig einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere. Und die ist unvergleichlich, das ist unbestritten.

Im Februar 2004 kletterte der damals 22-Jährige erstmals auf Weltranglisten-Position eins, in den beiden vorangegangenen Oktober-Monaten hatte er sich jeweils den Titel in der Wiener Stadthalle gesichert. Mit Wimbledon 2003 und Australian Open 2004 hatte Federer zu diesem Zeitpunkt zwei Grand-Slam-Titel eingefahren, da war sein Ausnahmetalent schon sichtbar geworden. Doch es war nicht zu ahnen, dass er fortan bis August 2008 ununterbrochen Weltranglisten-Leader bleiben würde.

In dieser Zeit war er der dominierende Mann bei den Top-Tennisturnieren dieser Welt, gewann auch die nächsten vier Wimbledon-Turniere sowie ebenfalls fünfmal in Serie bei den US Open. In Melbourne ließ der Eidgenosse 2006 und 2007 seine "Down under"-Major-Gewinne zwei und drei folgen. Die bei den US Open 2002 von Pete Sampras aufgestellte Bestmarke von 14 Grand-Slam-Titeln war mittlerweile für ihn alles andere als unerreichbar geworden.

Nadal als Heldentöter
Doch Federer kam in seinem Rekordstreben ins Straucheln. Rafael Nadal hatte die Tennis-Bühne betreten und sich Federer vor allem bei den French Open in den Weg gestellt. Diesen von ihm so heiß ersehnten Triumph verpasste der Basler in den vergangenen drei Jahren jeweils erst im Finale gegen den Spanier, Nadal beendete im vergangenen Juli auch die Titel-Serie Federers in Wimbledon. Dann übernahm der Iberer die Nummer eins und holte auch Olympia-Gold, ein Traumziel Federers.

Der Pekinger Doppel-Titel mit seinem Landsmann Stanislaw Wawrinka tröstete Federer zwar ein wenig, doch es schmerzte ihn, nur noch die Nummer zwei des Welt-Tennis zu sein. Das motivierte den vierfachen Masters-Cup-Sieger freilich bald umso mehr, nur zwei Wochen nach Olympia sicherte er sich mit den US Open 2008 seinen 13. Grand-Slam-Titel. Nur noch einer fehlte auf die Sampras-Marke.

Schicksalshafter Sieg über Nadal
Nadal aber gewann und gewann und tat dies auch bei den heurigen Australian Open, als er Federer im Endspiel in fünf Sätzen in die Knie zwang. Nichts deutete darauf hin, dass Federer ausgerechnet bei den French Open zurückschlagen könnte. Eine Woche vor dem Roland-Garros-Start kam aber die Wende, als er Nadal ausgerechnet im Finale seines Madrider Heimatturniers in zwei Sätzen endlich wieder auf Sand besiegte.

Mit dem Pariser Finalsieg über Söderling ist Federer nun endgültig wieder aus dem Wellental herausgekommen, auch wenn ihn in der Weltrangliste noch immer ein Respektabstand von Nadal trennt. Aber der Fan des FC Basel hat in den verbleibenden Turniermonaten 2009 gute Karten, der Spitze wieder näher zu kommen, hat er doch weniger zu verteidigen als in den Jahren davor. Bei Nadal ist es genau umgekehrt.

"Befreiter aufspielen"
Mit dem French-Open-Titel ist mit Federer künftig vielleicht noch mehr zu rechnen als bisher. "Das ist der für mich vielleicht wichtigste Turniersieg", meinte er, nachdem er sich als erst sechster Spieler bei allen vier Grand-Slam-Turnieren in die Siegerliste eingetragen hatte. "Den Rest meiner Karriere kann ich jetzt befreiter aufspielen." Schon in Wimbledon kann Federer das bestätigen, wenn er erstmals seit langem auf dem "heiligen Rasen" als Jäger in Aktion treten wird.

Federer hält auch sonst eine Reihe von Rekorden. Mit 19 Grand-Slam-Finali gesellte er sich zum gebürtigen Tschechen Ivan Lendl an die Spitze, 20 Grand-Slam-Halbfinali in Serie hat auch nur annähernd kein anderer Spieler je geschafft. Bei den vergangenen 16 Grand-Slam-Turnieren war Federer nur einmal nicht im Endspiel. Und das war bei den Australian Open 2008, als er es am Pfeiffer'schen Drüsenfieber leidend trotzdem ins Halbfinale schaffte.

Zurückhaltend sympathisch
Seine Erkrankung gab Federer erst nachher bekannt, was seiner Art entspricht. Immer freundlich, den Gegnern gegenüber stets respektvoll auftretend und den Fans entgegenkommend, wird er nicht nur von seinen Landsleuten als Sportler und Mensch verehrt. Während der beiden heurigen Turnierwochen in Paris war er von ihm wildfremden Leuten ermutigt worden, diesmal in der französischen Hauptstadt den Sack zumachen zu können.

Neben dem sportlichen Höhenflug befindet sich Federer auch privat obenauf. Am Karsamstag, vor erst acht Wochen, heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Mirka Vavrinec. Bei den French Open zitterte die ehemalige Profi-Spielerin bei den Partien ihres Ehemanns mit, und das hochschwanger. Im Sommer erwartet das Ehepaar sein erstes Kind, dann wird Roger Federers Glück perfekt sein. Sportlich fehlt ihm nur noch Olympia-Einzel-Gold, die Chance hat er 2012 in London.

(apa/red)

7.6.2009 19:38