Geglücktes Comeback für einen 'Hardliner':
Strasser macht ÖVP zur stärksten EU-Partei
- Stimmenverlust wiegt dank Gewinn der Wahl kaum
- Ungewöhnliche Karriere dank zahlreicher Kontakte

Die ÖVP ist in Österreich wieder die Nummer 1 in Europa-Fragen. Ob sich Ernst Strasser diesen Erfolg persönlich anschreiben lassen kann, wird die Auszählung der Vorzugsstimmen zeigen. Geglückt ist das Comeback des früheren Innenministers aber wohl so oder so. Platz eins für die ÖVP bei der ersten bundesweiten Wahl unter Obmann Josef Pröll überlagert die sich abzeichnenden Stimmenverluste.
Strasser wäre bis jetzt nicht als großer Europäer aufgefallen. Als seine einzigen Erfahrungswerte galten die EU-Ministerräte, an denen er in seiner Zeit als Ressortchef in der Ära Schüssel teilnahm. Im Europaparlament saß er nie.
Dass Parteichef Josef Pröll gerade Strasser als Spitzenkandidaten aus dem Hut zauberte, erzürnte daher so manchen in der Partei, der lieber den alten Europa-Hasen Othmar Karas an der Spitze gesehen hätte. Noch dazu glaubten viele, dass man mit dem als rechten Hardliner bekannten Strasser die Gelegenheit verpasse, Wähler von den Grünen zu den Schwarzen zu lotsen.
Diesen Ruf als Rechtsaußen der Volkspartei schuf sich Strasser vor allem mit einer kompromisslosen Asylpolitik. Rasch wurde der Innenminister zum Gottseibeiuns praktisch aller Hilfsorganisationen. Nicht viel besser war sein Image bei der Polizeigewerkschaft. Strasser galt als beinharter Umfärber, gestohlene E-Mails, die im Vorjahr an die Öffentlichkeit kamen, belegen, dass so manche Position nach Parteibuch besetzt wurde. Vorgeworfen wird Strasser zudem, dass er durch Umfärbeaktionen und Umstrukturierungen vor allem die Wiener Polizei massiv geschädigt hätte. Die bedenklichen Aufklärungsquoten seien die Folge, beklagen Polizeigewerkschafter. Strasser selbst verwies stets darauf, dass bis zu seiner Ära alles rot eingefärbt gewesen sei und er nur für ein bisschen mehr rot-weiß-rot gesorgt habe.
Unbegabter Rhetoriker?
Erstaunlich ist die Karriere des Bauernsohnes insofern, als ihm doch attestiert wird, es gebe in der österreichischen Spitzenpolitik kaum einen unbegabteren Rhetoriker als ihn. Diese Schwäche kompensiert Strasser durch ein enges Netzwerk an Vertrauten und ein Macher-Image. Die Fusion von Polizei und Gendarmerie hätten wohl nicht viele andere Politiker so rasch durchgezogen wie er.
Neben seinem Hardlinger-Image pflegt Strasser auch Soft Skills. Der ehemalige Zivildiener ist seit vielen Jahren Präsident des Niederösterreichischen Hilfswerkes. Bei den Kundgebungen gegen Schwarz-Blau im Jahr 2000 überraschte der frisch gebackene Innenminister mit seinem vehement vertretenen Bekenntnis zur Demonstrationsfreiheit.
Überraschender Rücktritt
Aus der Regierung tauchte Strasser im Dezember 2004 ab, völlig überraschend. Angesichts eines zu diesem Zeitpunkt völlig unumstrittenen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssels und des anhaltenden Erfolgslaufes von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll sah er fürs Erste seinen politischen Plafonds erreicht. Strasser ging in die Privatwirtschaft mit den diversesten Beteiligungen. Die will er zwar als "Brüsseler" nicht ganz aufgeben, seine Aktivitäten aber doch zurückschrauben.
Auch wenn Strassers Karriere von Niederösterreich ausging, ist er eigentlich Oberösterreicher. Geboren wurde er am 29. April 1956 in Grieskirchen als erstes von sechs Kindern eines Landwirteehepaars. 1981 schloss er in Salzburg sein Jus-Studium mit der Promotion ab. Er arbeitete zunächst als Obmann der ÖVP-nahen "Österreichischen Studentenunion", dann als Direktionssekretär des Bauernbundes, als Rechtsreferent des oberösterreichischen Bauernbundes und als Gemeinderat in Grieskirchen. 1987 berief ihn der damalige Landwirtschaftsminister Josef Riegler zu seinem Sekretär, zwei Jahre später wurde Strasser stellvertretender Kabinettschef von Vizekanzler Riegler.
Der eigentliche Aufstieg Strassers ist aber mit der niederösterreichischen Partei verbunden. Dort war er Landesgeschäftsführer ebenso wie Klubobmann und hatte im ORF-Stiftungsrat die mächtige Position des Leiters des VP-Freundeskreises über. So eng wie einst ist die Verbindung mit der niederösterreichischen ÖVP aber nicht mehr. Denn Erwin Pröll und die Seinen schenkten ihr Herz in der Wahlkampagne Othmar Karas. Ob nun Strasser oder doch Karas die Delegation der ÖVP in Brüssel leitet, wird eine der spannenden Fragen der nächsten Wochen sein.
(apa/red)
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