Mittwoch, 27. Mai 2009

Das Attentat im indischen Tempel:
Jede Religion hat ihre Abgründe

  • FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
  • PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Ich gestehe: Ich mag indische Restaurants. Vor allem in London. Abgeschwächt auch in Wien. Obwohl ein Großteil der hauptberuflichen Restaurantkritiker an deren Qualität gerne herummäkelt. In einigen dieser Lokale haben Männer mit Turbanen das Sagen, viele andere arbeiten als Zeitungskolporteure. Allzu viel mehr über sie und ihre Religion ist in Österreich nicht bekannt, außer dass sie eine Mischung aus Hinduismus und Islam ist und einige ihrer Jünger aus einem indischen Bundesstaat gerne ein eigenes Reich zimmern wollen. Diesen Separatismus ließ Indiens Eiserne Lady Indira Gandhi einmal blutig niederschlagen, worauf sie 1984 von einem Sikh-Leibwächter ermordet wurde. Was in der Folge wiederum 3.000 Sikhs das Leben kostete, die in Pogromen niedergemetzelt wurden.

Seit vergangenen Sonntag weiß man mehr über diese religiöse Minderheit in Indien (20 Millionen) und Österreich (etwa 3.000). Leider. Das Attentat, das einige Sikh-Fundamentalisten auf Gurus einer „liberaleren“ Sikh-Fraktion verübten, hat nicht nur die Aufmerksamkeit der österreichischen Öffentlichkeit auf diese relativ junge (entstanden im 15. Jahrhundert), relativ moderne (monotheistisch wie das Christentum, das Judentum und der Islam) und relativ demokratische (prinzipiell gegen das indische Kastenwesen gerichtet) Religion gelenkt. Im Sikh-Bundesstaat Punjab gab es gleich gewaltsame Proteste, Streiks und Tote inklusive. In Wien ist vergleichsweise wenig passiert – der durchschnittliche Strache-Fan mag sich „trösten“, dass sich „die Inder“ jetzt schon selber abmurksen und sich sein Idol bestätigt fühlt. Was er nicht einmal drei Stunden nach dem Verbrechen prompt tat: Schuld seien Wiener Rathaus & Multikulti, „Schönborn und der Rest der pseudohumanistischen Clique sollen sich schämen“. Das hinderte Strache tags darauf nicht, um ein Gespräch mit dem Wiener Kardinal anzusuchen, der ihn wegen seines lächerlichen Auftritts mit dem Kreuz ebenso kritisiert hatte wie praktisch alle Religionsvertreter im Land, katholische, evangelische, jüdische, moslemische.

In Wirklichkeit hat speziell dieser Anschlag wenig zu tun mit der üblichen Ausländerdebatte. Der Großteil der hiesigen Sikhs (zur Hälfte Österreicher) lebt schon lange im Land (nicht die Attentäter), gilt als friedlich und arbeitsam. Und bedient sicher auch Strache gut, wenn er – ganz Multikulti – zum „Inder“ essen geht oder sich von ihm etwas liefern lässt. Offenbar gilt freilich auch für sie eine religiöse Konstante: Wenn Glaube fanatisiert wird, gar politisch instrumentalisiert, wird er höchst gefährlich. Das gilt für fundamentalistische Moslems ebenso wie für fundamentalistische Juden oder fundamentalistische Christen: Im „christlichen Abendland“ wüteten bis vor kurzem orthodoxe Serben gegen katholische Kroaten und umgekehrt. Und eben haben im britischen Nordirland einige fanatisierte Protestanten einen Katholiken erschlagen. Als Faustregel gilt: Je ärmer, je ungebildeter, je bedrohter jemand ist oder sich fühlt, desto eher wirft er sich in die Arme fanatischer „Heilsbringer“ und Hassprediger. Deren Tun ist umso verwerflicher, wenn sie selbst so gar nicht gläubig sind, sondern pure politische Zyniker.

27.5.2009 16:12