Dienstag, 19. Mai 2009

NEWS EXKLUSIV und aus aktuellem Anlass vorab: Krimi um die Festspiel-Intendanz

  • Salzburger Festspiele: Bald steht neuer Chef fest
  • Dreiervorschlag: "Opernvisionäre sehen anders aus"

NEWS EXKLUSIV und aus aktuellem Anlass vorab: Am Donnerstagvormittag trat Stéphane Lissner, Intendant der Mailänder Scala und Musikchef der Wiener Festwochen, an einem konspirativen Ort bei Wien zum Hearing an. Er war der letzte Kandidat für die demnächst vakante Intendanz der Salzburger Festspiele. Am Donnerstagnachmittag einigte sich die fünfköpfige Findungskommission nach zermürbender Debatte auf den lang erwarteten Dreiervorschlag: Neben Lissner setzten sich die Operndirektoren Alexander Pereira (Zürich) und Pierre Audi (Amsterdam) durch. Das Festspielkuratorium – bestehend aus den entscheidungsbefugten Politikern oder ihren Vertretern – wurde verständigt. Dessen Vorsitzende, die ehemalige Bundesbahn-Managerin Wilhelmine Goldmann, bat am Donnerstagabend die drei erwählten Herren für Dienstag (19. Mai) zur Kuratoriumssitzung nach Salzburg. Dort sollten sie sich den Entscheidungsträgern präsentieren, welche noch am nämlichen Tag die Führungsposition des exklusivsten Klassik-Festivals der Welt zu besetzen gedachten.

Am Freitag früh erfuhr NEWS die drei Namen. Am Freitagvormittag veröffentlichten wir sie Online. Freitagmittag begann sich der Tumult über die Kulturwelt auszubreiten. Freitagnachmittag erschienen in Internet-Vorausmeldungen die ersten vernichtenden Kommentare des Feuilletons. Und am Freitagabend lud Kuratoriumschefin Goldmann die drei Überlebenden des Findungsprozesses von der Sitzung wieder aus.

Findungsprozess
Deren Beginn: Dienstag, 14 Uhr. Etwa die Zeit also, da wegen des leidigen Feiertags diese NEWS-Ausgabe in die Straßenkolportage gelangt. Wir sind also in der Situation, unseren Lesern eine Geschichte zu präsentieren, die sich bald nach ihrem Erscheinen erheblich weitergedreht haben könnte. Die allerdings auch lang vor ihrem Erscheinen Schlagzeilen auf sprachraumweiten Kulturseiten, in Radio- und Fernsehnachrichten und auf zahllosen Online-Seiten generierte. Und die also doch lesenswert ist, weil sie Einblick in die Vorgänge um die Besetzung eines Paradeunternehmens gewährt.

Dreiervorschlag verworfen?
Zu Redaktionsschluss am Montag lebte in einigen Kommentaren die Hoffnung, der Dreiervorschlag könnte vom Kuratorium verworfen werden. Er sei bieder, unkreativ und rückwärtsgewandt. Man hätte zum Hearing angetretene Könner wie Markus Hinterhäuser (Konzertchef der Festspiele), Roland Geyer (Theater an der Wien) oder Andreas Mölich-Zebhauser (Baden-Baden) berücksichtigen sollen. Hinterhäuser sollte in jedem Fall gehalten, gegebenenfalls als Spartenchef ins Direktorium befördert werden.

Klammern und Nebensätze
Zur nämlichen Zeit wurde noch rasch versucht, den Dirigenten Daniel Barenboim, 66, als eigentlichen Mann hinter Lissner zu kommunizieren. Doch dass sich der in Lissners Bewerbung als Tandempartner findet, war schon am Freitag über news.at, zahlreiche Zeitungen und die ORF-Nachrichten verbreitet worden. Der große Name wurde allerdings bloß in Klammern und Nebensätzen genannt, denn Barenboim dirigiert schon jetzt jährlich und umfangreich in Salzburg und eröffnet nächstes Jahr die Festspiele. Offenbar sollte er vorgeschoben werden, um den sonst nicht kommunizierbaren Lissner durchzusetzen.

Die drei
Wer sind nun die Herren, die nach der NEWS-Meldung Gruselkommentare wie „Opernvisionäre sehen anders aus“ („Süddeutsche“), „Am besten keiner von diesen dreien“ („Kurier“), „Die Gleichmacher“ („profil“) und „Salzburger Fetzenspiele“ („Presse“) abfingen? Zwei von ihnen wurden unter ihrem Wert geschmäht.

* Alexander Pereira, 61, aristokratischer Altösterreicher mit portugiesischen Wurzeln, leitete zunächst das Wiener Konzerthaus. Seit 1991 ist er äußerst erfolgreicher Intendant der Zürcher Oper und dazu begnadeter Rekrutierer von Sponsormitteln. Den großen Ruf erwarb er sich mit Harnoncourt und Welser-Möst, der ihm als Generalmusikdirektor allerdings unfriedlich Richtung Wien abhanden kam. Mittlerweile sind die beiden so weit versöhnt. Pereiras Vertrag endet 2012. Er war schon vor 20 Jahren (und dann immer wieder) für Salzburg im Gespräch. Damals verlor er gegen den Radikalreformer Mortier. Später manövrierte er sich mit Äußerungen gegen die Philharmoniker aus dem Bewerb. Auch diese Differenzen sind beglichen.

* Der gebürtige Libanese Pierre Audi, 51, leitet seit 1988 die Amsterdamer Oper, seit 2004 dazu das Holland Festival, das er auf exzellentes avantgardistisches Niveau brachte. Als Regisseur ist er ein gemäßigter Traditionalist, der in Salzburg eine atembelassende „Zauberflöte“, vor kurzem im Theater an der Wien aber eine feine Inszenierung von Händels „Partenope“ präsentierte. Sein Vertrag in Amsterdam endet 2013. Er ist fraglos hoch qualifiziert.

* Stark gesunken waren zuletzt die Chancen des Franzosen Stéphane Lissner, 56, der nicht annähernd die kolportierten Sympathien von Unterrichtsministerin Schmied genießen soll. Er wurde von Burgstallers Findungskommissärin, der Bayreuther Festspielintendantin Eva Wagner-Pasquier, putschartig ins Spiel gebracht, als die Hearings schon abgeschlossen waren. Im Gleichschritt mit Wagner-Pasquier agierte der vom Salzburger Fremdenverkehr in die Kommission entsandte Galerist Ropac. Die Überrumpelung gelang: Kommissionsvorsitzende Brigitte Fassbaender, Claudia Schmieds Vertreterin, berief für Lissner das außerordentliche Hearing vom 14. Mai ein. Auch die Findungskommissäre Clemens Hellsberg (entsandt vom Finanzministerium) und Georg Springer (Stadt Salzburg) stimmten zu.

Dass sich Lissner auf dem Dreiervorschlag durchsetzte, ist ein Mirakel. Kaum begann sein Name umzugehen, meldete sich Widerspruch in allen Medien des Landes. Franz Welser-Möst nannte Lissners Wirken via NEWS „kärglich“.

Attacken
Philharmoniker-Vorstand und Findungskommissär Hellsberg attackierte ihn erkenntlich im „Kurier“. Der Protest wuchs sich nach Bekanntwerden des Dreiervorschlags zum Orkan aus. In der Tat zeichnet sich Lissner vor allem durch Vielfachverwertung seiner Produktionen aus. Seine Mailänder Intendanz ist durch Chaos und versenktes Kernrepertoire gekennzeichnet, die Musiksparte der Festwochen zur Nichtigkeit verkommen. Beim Hearing soll Lissner Seltsames verlautbart haben: Wiewohl der deutschen Sprache nur bescheiden mächtig, wäre er willens, das Schauspiel mit zu übernehmen. Die Intendanz der Mailänder Scala – immerhin eines der führenden Häuser der Welt – werde er gern ein Jahr vor Vertragsende aufgeben, um 2012 in Salzburg antreten zu können. Dass Muti unter Lissner nicht zur Verfügung stünde, ist klar.

Mogelpackung?
Dass sich Lissner bei der Kommission dennoch gegen den gefeierten Festspiel-Konzertchef, den auf Weltniveau agierenden Intendanten des Theaters an der Wien oder den provokant erfolgreichen Wundermann aus Baden-Baden durchsetzen konnte, erstaunt.

So sehr aber auch wieder nicht
Schon um Weihnachten träumte Landeshauptfrau Burgstaller via NEWS von einem Dirigenten an der Spitze der Festspiele. Rattle war der erste, Barenboim der zweite. Da konnte Wagner-Pasquier, Lissners Intima und ehemalige Untergebene in Aix, ihren Ex-Chef leicht in eine Mogelpackung mit dem Welt-Maestro praktizieren: Barenboim ist ein Mailänder Hauptdirigent. Außerdem ist er Generalmusikdirektor der Berliner Staatskapelle und der Berliner Staatsoper, an die er zuletzt tumultös den Salzburger Intendanten Flimm abwarb. Im Hauptberuf geht der beschäftigtste Musiker der Gegenwart einer rastlosen Doppelkarriere als Dirigent und Pianist nach. Seine Sommer verbringt er in Spanien, wo das von ihm aus israelischen und palästinensischen Musikern formierte „West Eastern Divan Orchestra“ von der öffentlichen Hand großzügig unterstützt wird. Ohne dieses sein Orchester, so Barenboim, sei er sommers unverfügbar. Weshalb auch seine Salzburger Aufenthalte anno 2007 und 2009 nur mit aufwendigen Residenzen der jungen Musiker ermöglicht wurden.

Und jetzt wissen die geschätzten Leser, was sie erwartet, respektive: was ihnen vielleicht erspart geblieben ist.

Heinz Sichrovsky, NEWS.at

19.5.2009 13:19

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