Dienstag, 26. Mai 2009

Schießerei in Wiener Sikh-Gebetshaus:
Prediger offenbar schon länger bedroht

  • Fünf Verdächtige werden im Landesgericht verhört
  • Prediger und weiterer mutmaßlicher Täter im Spital

Die beiden am Sonntag in einem Wiener Sikh-Gebetshaus attackierten Prediger Sant Niranjan Dass und Sant Rama Anand (andere Schreibweise: Nand), der im Spital an seinen Schussverletzungen starb, sollen laut der indischen Community in Österreich bereits seit längerem von strenger Gläubigen bedroht worden sein. "Die von den ganz Orthodoxen haben schon immer gewarnt, dass Sant Niranjan Dass nicht predigen darf", erklärte ein leitendes Mitglied der Gemeinschaft. "Er ist auch schon in Indien gewarnt worden, er soll dies unterlassen."

Sant Niranjan Dass habe sich nicht an traditionelle Vorgaben gehalten, habe sich als Guru bezeichnen lassen und sei deshalb angefeindet worden. "Als Guru verehrt werden darf man erst, wenn man tot ist", erklärte die Inderin. "So sehen das die streng Gläubigen. Seine Verhaltensweisen richteten sich gegen Regeln der alten Religion." Aus dem heiligen Buch dürfen demnach auch nur bestimmte Berechtigte lesen. Die Glaubensströmung von Dass und die damit verbundenen Konflikte gebe es seit Jahren.

Sikh-Angehörige gut integriert
"Solche Vorfälle schaden leider allen", befürchtete die Vertreterin der indischen Community nach der Schießerei in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus. "Ich hoffe, dass jetzt nicht alle in einen Topf geworfen werden." Grundsätzlich seien Sikh-Angehörige und andersgläubige Inder in Österreich gut integriert. "Die, die da geschossen haben, waren Hardcore-Gläubige, die können sich äußerlich nicht in der Masse verstecken - mit Turban und langem Bart", so die Frau. "Es wundert mich halt, dass es da nicht mehr Kontrollen gibt." Die Männer hätten in Wien auffallen, bei einer Einreise aus Indien hätte man die Waffen entdecken müssen.

In Wien würden unter anderem auch sehr radikale Sikh-Anhänger leben. "Das sind nicht viele, aber es reicht ja einer", betonte die Inderin. "Ich hoffe, dass das ein einmaliger Vorfall bleibt und die Leute künftig mehr aufpassen." Für sie stelle sich eindeutig die Frage, warum bezüglich Kontrollen nicht mehr unternommen werde. In der Sikh-Religion gibt es zwar keine Kasten, sprich höhere und niedrigere Klassen, betonte die Vertreterin. "Das ist aber nur eine Ideologie, im tatsächlichen Leben gibt es natürlich schon Unterschiede."

Verdächtige verhört
Fünf der sechs Männer, die für den Angriff auf zwei indische Prediger in einem Wiener Gebetshaus verantwortlich sein sollen, befinden sich laut Polizeisprecher Michael Takacs mittlerweile im Landesgericht Wien. Der sechste mutmaßliche Täter, durch einen Kopfschuss verletzt, sei nach wie vor nicht ansprechbar. Der Mann wurde aus Krems ins Unfallkrankenhaus Meidling überstellt.

Der schwer verletzte Prediger befindet sich laut dem behandelnden Spital definitiv außer Lebensgefahr. Er werde gut versorgt und es gehe ihm entsprechend gut. Laut Polizei erlitt der Mann einen Bauch-und einen Hüftknochensteckschuss. Der 68-jährige Sant Niranjan Dass erhält Personenschutz durch die Sondereinheit Cobra. Angehörige des Einsatzkommandos sowie Justizbeamte bewachen auch den mutmaßlichen Täter im UKH Meidling. Die beiden Spitäler werden darüber hinaus von der WEGA geschützt.

Verständigungsschwierigkeiten
Das Hauptproblem bei den Einvernahmen und Befragungen von Zeugen sei derzeit, dass die Verdächtigen Urdu sprechen, und für diese Sprache nur sechs Dolmetscher zur Verfügung stehen. Übersetzt werden muss zudem ein Dialekt. Die Dolmetschern verstehen ihn in gesprochener Form, nicht aber schriftliche Aufzeichnungen.

Die Gemeinschaft der Sikh in Österreich hat den Opfern des Attentats auf ihrer Internetseite (http://www.sikh.at) ihre Anteilnahme ausgesprochen und die Angriffe auf zwei indische Prediger scharf kritisiert. Man sei tief erschüttert über die Gewalttat, heißt es in der Mitteilung, die von den beiden nicht betroffenen Gebethäusern in Meidling und in der Donaustadt unterzeichnet wurde. Bei Letzterem wird spekuliert, dass die Täter Mitglieder der Gebetshaus-Gemeinschaft sein könnten. Die Einrichtung in der Donaustadt wird gerade renoviert, ihre geplante Neueröffnung am 21. und 22. Juni wurde wegen der Schießerei auf unbestimmte Zeit verschoben.

(apa/red)

26.5.2009 14:43