Ein besonders dramatischer Grund für Lohnverlust: Arbeitslosigkeit
- FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
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Diese Woche gab der ÖGB ein demonstratives Lebenszeichen von sich das erste seit dem Bawag-Skandal. Tausende demonstrierten für höhere Gehälter, viel weniger zwar als vor sechs Jahren gegen die Pensionsreform von Schwarz-Blau, aber immerhin: In Österreich sind Demonstrationen staatstragender Organisationen ungewöhnlich und ein Zeichen dafür, dass die Republik zwar nicht brennt, wie es ein Gewerkschafter einmal formulierte, es im Dachstuhl der Republik aber glost. Wenn auch nur verteilungspolitisch, und das nicht bloß hierzulande: Die weltweite Wirtschaftskrise hat unvorstellbar viele (hauptsächlich virtuelle) Milliarden vernichtet, hat Abertausende Menschen um einen (Groß-)Teil ihres Einkommens gebracht und gefährdet nun Millionen Arbeitsplätze. Die meisten Regierungen, vorneweg jene der USA, haben richtig darauf reagiert und ebenfalls unvorstellbar viele Milliarden in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, um seinen totalen Kollaps zu verhindern vorrangig für besonders notleidende Teile der Industrie. Sowie vor allem in Darlehensform für Banken, zentrale Herzstücke unseres Systems. Indirekt zahlen trotz trotziger Gegenparolen natürlich alle für die Krise, auch kleine Anleger gleich, alle Steuerzahler später via Sparpaketen und Inflation.
Ob das nun eine Endkrise des Kapitalismus an sich ist (eher nicht) oder auch nur einer entarteten Form (bei der Geld nicht mittels Produktion von Gütern oder Dienstleistungen in Unternehmen verdient wird, sondern mittels Spekulation am Schreibtisch), ob der Kapitalismus nicht aus seinen Fehlern lernen kann, weil er von unregulierbarer Gier angetrieben ist (so das aktuelle Spiegel-Cover), ist eine faszinierende Debatte für Sozialhistoriker in absehbarer Zeit aber nicht klärbar. Jedenfalls aber ein Auftrag, internationale Regulierungen durchzusetzen was vermutlich fast ebenso lange dauern wird.
Lebensnäher sind die Sorgen, welche die Menschen heute haben. Bis vor kurzem konnten es sich absolut Marktgläubige leisten, alarmierende Wirtschaftsprognosen als Unkenrufe notorischer Schwarzmaler abzutun. Inzwischen hat die ursprüngliche Finanzkrise längst die Realwirtschaft erfasst, insbesondere der Exportwirtschaft brechen Aufträge weg: In Deutschland wird für heuer ein negatives Wirtschaftswachstum von 6 Prozent erwartet, in Österreich werden es wohl minus 4 sein Josef Pröll budgetiert noch mit (zu?) optimistischen Prognosen. Die Arbeitslosenzahlen werden im Nachbarland auf bis zu fünf Millionen steigen, auch im etwas weniger exportabhängigen Österreich auf über 400.000.
In dieser Situation wird die österreichische Wirtschaft durch Inlandsnachfrage entscheidend belebt. Dazu bedarf es genügender Kaufkraft. Insofern ist der Druck von Gewerkschaftern verständlich, auch in schlechten Zeiten Lohnzuwächse zu erzielen in den vergangenen (guten) Jahren gab es lange Reallohnverluste. Nur sollte dabei nicht ganz vergessen werden, dass es einen besonders dramatischen Grund für Lohnverluste gibt: Arbeitslosigkeit. Und einigen Branchen und Betrieben steht tatsächlich das Wasser bis zum Hals.
