Mittwoch, 13. Mai 2009

Ein besonders dramatischer Grund für Lohnverlust: Arbeitslosigkeit

  • FORMAT-Chefredakteur Peter Pelinka
  • PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Diese Woche gab der ÖGB ein demonstratives Lebenszeichen von sich – das erste seit dem Bawag-Skandal. Tausende demonstrierten für höhere Gehälter, viel weniger zwar als vor sechs Jahren gegen die Pensionsreform von Schwarz-Blau, aber immerhin: In Österreich sind Demonstrationen „staatstragender“ Organisationen ungewöhnlich und ein Zeichen dafür, dass die Republik zwar nicht „brennt“, wie es ein Gewerkschafter einmal formulierte, es im Dachstuhl der Republik aber glost. Wenn auch „nur“ verteilungspolitisch, und das nicht bloß hierzulande: Die weltweite Wirtschaftskrise hat unvorstellbar viele (hauptsächlich virtuelle) Milliarden vernichtet, hat Abertausende Menschen um einen (Groß-)Teil ihres Einkommens gebracht und gefährdet nun Millionen Arbeitsplätze. Die meisten Regierungen, vorneweg jene der USA, haben richtig darauf reagiert und ebenfalls unvorstellbar viele Milliarden in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, um seinen totalen Kollaps zu verhindern – vorrangig für besonders notleidende Teile der Industrie. Sowie – vor allem in Darlehensform – für Banken, zentrale Herzstücke unseres Systems. Indirekt zahlen trotz trotziger Gegenparolen natürlich alle für die Krise, auch „kleine“ Anleger gleich, alle Steuerzahler später via Sparpaketen und Inflation.

Ob das nun eine „Endkrise“ des Kapitalismus an sich ist (eher nicht) oder auch nur einer „entarteten“ Form (bei der Geld nicht mittels Produktion von Gütern oder Dienstleistungen in Unternehmen verdient wird, sondern mittels Spekulation am Schreibtisch), ob der „Kapitalismus nicht aus seinen Fehlern lernen kann“, weil er von unregulierbarer „Gier“ angetrieben ist (so das aktuelle „Spiegel“-Cover), ist eine faszinierende Debatte für Sozialhistoriker – in absehbarer Zeit aber nicht klärbar. Jedenfalls aber ein Auftrag, internationale Regulierungen durchzusetzen – was vermutlich fast ebenso lange dauern wird.

Lebensnäher sind die Sorgen, welche die Menschen heute haben. Bis vor kurzem konnten es sich absolut Marktgläubige leisten, alarmierende Wirtschaftsprognosen als Unkenrufe notorischer Schwarzmaler abzutun. Inzwischen hat die ursprüngliche Finanzkrise längst die Realwirtschaft erfasst, insbesondere der Exportwirtschaft brechen Aufträge weg: In Deutschland wird für heuer ein negatives Wirtschafts„wachstum“ von 6 Prozent erwartet, in Österreich werden es wohl minus 4 sein – Josef Pröll budgetiert noch mit (zu?) optimistischen Prognosen. Die Arbeitslosenzahlen werden im Nachbarland auf bis zu fünf Millionen steigen, auch im etwas weniger exportabhängigen Österreich auf über 400.000.

In dieser Situation wird die österreichische Wirtschaft durch Inlandsnachfrage entscheidend belebt. Dazu bedarf es genügender Kaufkraft. Insofern ist der Druck von Gewerkschaftern verständlich, auch in schlechten Zeiten Lohnzuwächse zu erzielen – in den vergangenen (guten) Jahren gab es lange Reallohnverluste. Nur sollte dabei nicht ganz vergessen werden, dass es einen besonders dramatischen Grund für Lohnverluste gibt: Arbeitslosigkeit. Und einigen Branchen und Betrieben steht tatsächlich das Wasser bis zum Hals.

13.5.2009 16:56