Ein Kapitän am Abstellgleis: Pogatetz im
NEWS-Interview über Gegenwart & Zukunft
- Verletzungspech und drohender Abstieg in England
- Mad-Dog: "Kapitän sein kann man nicht lernen"

·Pogatetz sieht Zweit-
Klassigkeit entgegen
England: Middlesbrough verliert Abstiegs-Derby
·Tabelle: Premier League 2011/2012
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Seinem Klub Middlesbrough musste Emanuel Pogatetz wochenlang tatenlos auf der Tribüne zusehen. Nun, da seine chronische Sehnenentzündung am linken Knie operiert wurde, fällt der 26-jährige Grazer für mindestens weitere zehn Wochen aus, damit auch für das wichtige WM-Qualifikationsspiel des Nationalteams am 6. Juni in Serbien. Bei beiden Mannschaften ist er Kapitän, und beiden Teams steht das Wasser bis zum Hals.
Middlesbrough bleiben nur noch zwei Spiele, um den Abstieg aus der englischen Premier League zu verhindern, und das Nationalteam muss über sich hinauswachsen, um die WM-Quali doch noch zu schaffen. Doch Pogatetz bleibt zuhause in Middlesbrough vorerst nicht mehr, als die Therapie zu beginnen und die Zukunft zu planen. Zumindest in Sachen Nationalteam sieht er sie durchaus positiv.
NEWS: Schmerzt es, dass Sie bei Middlesbrough und im Nationalteam zuschauen müssen?
Pogatetz: Es ist frustrierend. Aber ich kann mir keinen Vorwurf machen, ich habe bis zuletzt versucht, meinem Verein zu helfen. Dadurch ist die Verletzung leider nur schlimmer geworden.
NEWS: Suchen Sie schon einen neuen Verein für den Fall, dass Middlesbrough absteigt?
Pogatetz: Im Moment schaut es danach aus, dass ich meinen Vertrag, der noch ein Jahr läuft, erfülle. Angebote von anderen Klubs gibt es noch nicht. Natürlich würde ich mir eine längerfristige Lösung mit Middlesbrough wünschen. Dafür würde ich auch ein Jahr in der zweiten Liga in Kauf nehmen. Aber ein Angebot von einem Top-Klub werde ich bestimmt nicht ausschlagen. Denn ich möchte irgendwann in der Champions League spielen. Aber zu sagen, dass ich, wenn wir absteigen, auf jeden Fall weg will, wäre als Kapitän das falsche Signal.
NEWS: Kapitän bei Middlesbrough, jetzt auch Kapitän im Nationalteam: Was ist Ihnen in dieser Rolle wichtig?
Pogatetz: Im Nationalteam gehts mir besonders darum, dass ich ein Vorbild für die jungen Spieler bin, ihnen Selbstvertrauen gebe und ihnen helfe, sich in die Mannschaft zu integrieren, damit sie sich gut weiterentwickeln können. Die erfahrenen Spieler wie Paul Scharner unterstützen mich dabei. Schlimm wäre ja, wenn keiner den Weg vorgibt und die Spieler auf sich alleine gestellt sind.
NEWS: Da gehört auch viel Diplomatie dazu, oder?
Pogatetz: Ich kann diplomatisch sein, nur nicht auf Kosten der Professionalität.
NEWS: Deswegen haben Sie einst Kritik am ÖFB geübt. Sind Sie vorsichtiger geworden?
Pogatetz: Wenn es Anliegen gibt, werde ich immer versuchen, sie durchzusetzen. Ich will den Spielern zeigen, dass sie sich auf mich verlassen können.
NEWS: Wie wichtig ist Konstanz in der Teamtrainerfrage?
In erster Linie muss man an einer Philosophie festhalten, nicht am Trainer. Wir müssen für unser Land definieren, wie wir spielen wollen. Ich denke, die Fans wollen offensiven Fußball sehen. Wir haben fitte Spieler, deswegen können wir das auch. Und wenn man das über Jahre durchzieht, dann werden wir Erfolg haben. Schwierig ist es, wenn immer Kursänderungen kommen.
NEWS: Was ist uns von der EURO geblieben?
Pogatetz: In erster Linie die Erfahrung. Das kann einem keiner mehr nehmen. Für das ganze Land war das ein tolles Ereignis. Man hat gesehen, dass die Österreicher ein fußballbegeistertes Volk sind. Aber sie haben es auch schwer, da sie über Jahre hinweg enttäuscht worden sind. Aber man muss auch bedenken, dass uns eine ganze Generation verloren gegangen ist, aus der sind nur noch der Andi Ivanschitz und ich übrig. Damit, dass wir diese Lücke schließen, kämpfen wir seit Jahren. Aber an den Jüngeren wie Marko Arnautovic oder Rubin Okotie sieht man deutlich, dass sich in der Nachwuchsarbeit etwas verbessert hat. Wenn das so weitergeht, werden wir in den nächsten Jahren sicher eine schlagkräftige Mannschaft haben.
NEWS: Vom EURO-Team sind nicht mehr viele Spieler übrig. Warum?
Pogatetz: Es war nicht glücklich, dass sich der ÖFB für Brückner entschieden hat. Seine Philosophie hat nicht zur Mannschaft gepasst. Er war in Tschechien gewohnt, mit fertig ausgebildeten Spielern und Superstars zu arbeiten. Denen hat er nicht mehr viel sagen müssen, sie haben selbst gewusst, was zu tun ist. Wir aber haben eine Mannschaft mit Spielern in der Ausbildung. Er hat uns dadurch als Mannschaft nicht weitergebracht.
NEWS: Auch die Stars wie Ivanschitz, Linz und Co sind nicht mehr dabei. Ein guter Schachzug vom neuen Teamchef?
Pogatetz: Mir geht es nicht um die Personen. Es sollen einfach immer die besten Spieler einberufen werden, deshalb finde ich es richtig, wie es der Teamchef macht. Spieler, die regelmäßig Leistung bringen, sollen spielen, niemand soll eine Freikarte haben. Denn es gibt in einer Saison immer wieder schlechte Phasen. Wie man sieht, auch beim Kapitän.
NEWS: Wieso haben Sie sich überhaupt zum Kapitän berufen gefühlt?
Pogatetz: Als ich bei Middlesbrough Kapitän geworden bin, hat der Trainer zu mir gesagt, ich soll einfach so weitermachen wie bisher, da ich immer schon ein Führungsspieler war. Das ist im Nationalteam das Gleiche. Für mich ergibt sich dadurch keine neue Situation, ich kann da wie dort meine Leistung weiter bringen. Kapitän sein kann man nicht lernen, das ist eine Frage der Persönlichkeit.
Interview: Nina Strasser
