Klarheit für Natascha: Gerüchteküche
um Mitwisser oder Mittäter brodelt weiter
- NEWS: Der Bericht und die fünf skurrilsten Gerüchte
- Nataschas Anwalt fordert jetzt Einsicht in Aktenteile

Ende der Vorwoche sorgte er für höchste mediale Erregung, nun ist jener angeblich brisante "Zwischenbericht" zur Causa Natascha Kampusch auf der Homepage des Innenministeriums veröffentlicht worden. Das vom Top-Juristen Ludwig Adamovich erstellte Gutachten ist magere acht Seiten dünn und wäre keine Zeile der Debatte wert, würden nicht Teile davon aus Gründen der möglichen Verletzung von "Persönlichkeitsrechten" von Natascha Kampusch, weiterhin unter Verschluss bleiben. Einzig der letzte Satz des Berichts der "Evaluierungskommission" deutet in eine Richtung, die Platz für allerlei Verschwörungstheorien bietet.
Zitat: Man müsse die Erhebungen "mit Nachdruck fortführen, um bestehende Unklarheiten endgültig zu beseitigen". Was damit gemeint ist, folgt im Schlusssatz: Es sei bei den Ermittlungen "der Eindruck entstanden, dass einige in der Causa mittelbar und unmittelbar involvierte Personen offensichtlich einen viel stärkeren persönlichen und in der Causa selbst, abstimmungsorientierten' Kontakt pflegen, obwohl nach außen hin ein völlig anderes Bild transportiert wird". Aus der Amtssprache übersetzt: Es könnte Zeugen oder Mitwisser geben, die vor und auch noch nach der "Selbstbefreiung" Nataschas am 23. August 2006 und dem Selbstmord ihres Peinigers Wolfgang Priklopil untereinander Kontakt hatten und immer noch haben. Und die gegenüber den Ermittlern schlicht und einfach leugnen, etwas damit zu tun zu haben.
Anwalt fordert Einsicht
Nataschas Anwalt Gerald Ganzger fordert im NEWS-Interview nun Einsicht in jene Aktenteile, die diesen Verdacht offensichtlich bestärken. Und er ist über die endlose Debatte einigermaßen entrüstet: "Dass der Fall geprüft wird, ist okay. Aber man bekommt den Eindruck, dass hier verschiedene Behörden relativ unkoordiniert arbeiten oder sich sogar gegenseitig ausspielen".
Bei den "geheimen" Ermittlungen wurde das Umfeld des Kriminalfalles penibel unter die Lupe genommen. Nämlich genau jene Personen, die in die Causa, wie es Adamovich formuliert, "mittelbar oder unmittelbar" involviert waren und sind. Und schon immer im Dampf der Gerüchteküche stehen.
Gerücht Nummer 1: Nataschas leibliche Mutter Brigitte Sirny könnte in die Entführung ihrer Tochter involviert gewesen sein. Sogar in Gesellschaft Priklopils will man sie gesehen haben. Die eigene Tochter an einen Peiniger "verkaufen", der sie dann achteinhalb Jahre lang gefangen hält? Absurd. Übrigens: Zeugen, die einen solchen Kontakt zwischen Opfermutter und Entführer bestätigen, haben sich stets nur gegenüber Medien geäußert, vor der Polizei jedoch dann nicht mehr.
Gerücht Nummer 2: Ernst H., der beste Freund und Geschäftskollege Priklopils - sie sanierten gemeinsam Altbauwohnungen -, wäre ebenfalls ein Mitwisser gewesen. Tatsächlich war der nunmehr 45-Jährige manchmal im Haus des Täters zu Gast. Priklopil hatte das Mädchen dem Freund später sogar "vorgestellt", und zwar als seine "Bekannte", die ihm ein wenig bei der Hausarbeit zur Hand gehe. Nach ihrer Befreiung habe er öfters Telefonkontakt mit Natascha gehabt, sagte H. im NEWS-Interview. Fakt ist auch hier: Es liegt kein einziges polizeiliches oder gerichtliches Ermittlungsergebnis vor, das einen weitergehenden Kontakt zwischen Ernst H. und Natascha beweisen oder auch nur indizieren könnte. Etwa das immer wieder kolportierte Gerücht, Ernst H. könnte mit Priklopil "unter einer Decke" gesteckt haben.
Walter Pohl
Alle Gerüchte um den "Fall Kampusch" und das Interview mit Nataschas Anwalt lesen Sie im NEWS 20/09!
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