Donnerstag, 7. Mai 2009

Iniesta ist Barcelonas stiller Held: Tor in letzter Minute bringt seinen Club ins Finale

  • Bescheidener Spanier gilt als "Anti-Galaktischer"
  • Jetzt ist der "Mann von La Mancha" der große Held

Der Satz danach sprach Bände: "In einer anderen Situation wäre der Ball sicher auf der Tribüne gelandet." Mit trockenem Understatement kommentierte Andres Iniesta seinen satten Außenrist-Schuss zum 1:1 in Stamford Bridge, mit dem er den FC Barcelona in der Nachspielzeit gegen Chelsea ins Finale der Fußball-Champions-League gehievt hatte. Ein Zeichen von Bescheidenheit, die für den bald 25-Jährigen einfach typisch ist.

Von der Tageszeitung "El Mundo" wurde er als "Der stille Held" porträtiert. Dass er kein Strahlemann wie David Beckham ist, hat ihm auch bereits einmal einen anderen Spitznamen eingetragen: "Der Anti-Galaktische". Aber die Zeiten, als neben Beckham auch Weltstars wie Zinedine Zidane oder Luis Figo dem Hauptstadtclub Real Madrid neben erhöhter Medienaufmerksamkeit auch den Europacup bescheren sollten, sind ohnehin Geschichte.

Schiedsrichter im Mittelpunkt
Und kein Thema mehr. Die Schlagzeilen macht derzeit der Erzrivale aus Katalonien. Im CL-Halbfinale stand aber auch der norwegische Schiedsrichter Tom Henning Övrebö im Mittelpunkt. Von letzterem fühlten sich die Chelsea-Kicker und ihr niederländischer Trainer Guus Hiddink um mindestens einen Elfmeter betrogen. Nicht ganz zu Unrecht. Selbst die spanische Sportzeitung "As" führte fünf Szenen mit Bildern an, in denen Övebrö einen Penalty verhängen hätte können.

Letztlich aber entlockte der "stille Held" Iniesta den katalanischen wie spanischen Radio- und TV-Reportern ihre lautstarken, langgezogenen "Gol"-Arien. Einer ließ sich auf "Radio Nacional de Espana" sogar zu einem stürmischen "Andres, Ich liebe dich!" hinreißen. Von den Print-Kollegen wurde er dafür gefeiert, dass er "ein Wunder wie im Märchen" wahr werden ließ. Die englischen Schreiberlinge wiederum erhoben ihn wegen der tränenreichen Trauer der Chelsea-Fans umgehend zum "Heartbreaker".

"Mann von La Mancha"
Doch gibt der introvertierte Iniesta abseits des Spielfelds nie den draufgängerischen Herzensbrecher, vielmehr erinnert seine oft leicht weinerlich erscheinende Miene eher an den "Ritter von der traurigen Gestalt". Schließlich ist Andres wie der legendäre "Don Quijote" ein "Mann von La Mancha". Er wurde am 11. Mai 1984 in Fuentealbilla, einem in den weiten Ebenen der Provinz Kastilien-La Mancha verlorenen Nest geboren, das es nicht einmal auf 2.000 Einwohner bringt.

Von dort übersiedelte er als 12-Jähriger in die katalanische Millionen-Metropole Barcelona. "Barca-Spione" hatten ihn in der Jugendabteilung von Albacete Balompie entdeckt. Als 18-Jähriger durfte das knapp 1,70 m große Talent das erste Mal unter Trainer Luis van Gaal ins Mittelfeld des FC Barcelona hineinschnuppern. Der Durchbruch gelang ihm unter Van Gaals Nachfolger und Landsmann Frank Rijkaard, der ihn den "Bonbonverteiler" taufte, weil er seine Pässe wie süße Zuckerln unter die Kollegen verstreut. Wobei Rijkaard manchmal seinen Augen nicht traute. "Andres ist unglaublich", sagte der ehemalige Weltklasse-Kicker einmal, "er ist an so vielen Orten, dass es scheint, es seien zwei Iniestas auf dem Platz".

Iniesta spielt dort, wo man ihn braucht
Aber auch allein ist er im Mittelfeld oder als hängende Spitze vielseitig verwendbar. In Spaniens Nationalteam kommt er meist auf der rechten Seite zum Einsatz, bei Barcelona meist links. Auch ein zentraler oder defensiver Part ist ihm nicht fremd. Gegen Chelsea gab er anstelle des verletzten Thierry Henry sogar einen linken Stürmer. Schließlich spiele er immer dort, wo der "Mister" ihn braucht, wie er auch im vergangenen Juni bei der EURO 2008 im Trainingscamp des späteren Europameisters in der Tiroler Ortschaft Neustift im Stubaital betonte.

Der "Mister", damals Luis Aragones, ließ sich nicht lange bitten. Als einziger Kaderspieler stand Iniesta bei allen EURO-Spielen in der spanischen Startelf. Vom ersten Gruppen-Match in Innsbruck gegen Russland (4:1) bis zum Finale gegen Deutschland in Wien (1:0). Dennoch ist der wendige Kicker mit dem schmächtigen Körper mit sich selbst nicht immer zufrieden. "Im kleinen Kreis klagt er manchmal, dass er zu wenige Tore erzielt", verriet Barcelona-Coach Josep Guardiola nach dem Spiel in London. Nachsatz: "Das Gejammer kann er ab jetzt lassen, denn heute hat er eines für die Ewigkeit geschossen."

(apa/red)

7.5.2009 11:35