Montag, 29. Juni 2009

Der mit den Wölfen tanzt: Project Canis über einen Mann, der wilder Tiere trainiert

  • Wölfe gewöhnen sich niemals ans gefüttert werden
  • Die Tiere kümmern sich nicht um Kommandos

Auf einer Farm im ungarischen Gödöllő, 30 Kilometer nordöstlich von Budapest trainiert Zoltan Horkai Wölfe für Film und Fernsehen. Regelmäßig stehen seine Tiere vor der Kamera – in Dokumentarfilmen (Ötzi), Werbespots (Bacardi und Rotkäppchen) und Hollywoodstreifen (Season of the Witch mit Nicolas Cage, der im nächsten Jahr in die Kinos kommt). Im Gegensatz zum Hund, dessen Sozialisierung in den ersten 12 Wochen stattfindet, muss ein Wolfswelpe, um seine Scheu zu verlieren, in den ersten zehn Tagen nach seiner Geburt an Menschen gewöhnt werden.

Wölfe sind anders als Hunde – sie erwarten nichts vom Menschen, deshalb ist es extrem schwierig ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Der Wolf versteht Kommandos – er kümmert sich nur nicht darum. „Eigentlich kann man Wölfe gar nicht trainieren“, erklärt Horkai, „man muss sie immer wieder aufs Neue überzeugen. Sie arbeiten nicht auf Befehl – schon gar nicht in einer fremden Umgebung.“ Die Tiere während der Dreharbeiten bei Laune zu halten ist ein Balanceakt. Sind sie zu hungrig, werden sie gefährlich, sind sie satt, arbeiten sie nicht.

Wölfe gewöhnen sich nie ans gefüttert werden
Anders als ein Hund, gewöhnt sich selbst ein zahmer Wolf nicht daran vom Menschen regelmäßig gefüttert zu werden. Sich auf Herrchen zu verlassen und auf eine volle Futterschüssel zu warten kommt ihm nicht in den Sinn. „Hält man einem Wolf ein Stück frisches Fleisch vor die Nase, gibt es für ihn kein Halten mehr. Er springt auf und will es unbedingt haben und zwar sofort“, sagt Horkai. Deswegen arbeitet er bei Übungen bei denen ein Wolf still sitzen muss mit Trockenfutter. Für diesen Anreiz genug um zu gehorchen, aber nicht zu verführerisch um sich sofort darauf zu stürzen.

Im Film hat jeder Wolf seine Paraderolle
Im Film hat jeder Wolf seine Paraderolle. Während der eine gekonnt den Bösen mimt, kann der andere besonders gut springen oder hingebungsvoll den Mond anheulen. Horkai macht sich dafür die Rangordnung im Wolfsrudel zunutze. Zähneblecken und hochgezogene Lefzen sind ein Zeichen der Unterwürfigkeit, im Film wirkt so eine Geste sehr bedrohlich.

Wölfe kümmern sich nicht um Kommandos
Ethnologen der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest haben herausgefunden, dass ein Wolf zwar die Kommandos des Menschen genauso gut wie ein Hund versteht, der entscheidende Unterschied besteht aber darin, dass der Wolf sich einfach nicht darum kümmert, was der Mensch von ihm will. Die meiste Zeit sieht er ihn nicht einmal an.

Auch bei Horkais Wölfen lässt das Interesse am menschlichen Besuch im Gehege erstaunlich schnell nach. Schon nach fünf Minuten kümmert sich keiner mehr um irgendwelche Besucher. „Der Hund ist im Laufe der Zeit vom Menschen abhängig geworden, der Wolf nicht“, sagt Horkai. „Diese Abhängigkeit hat ihn aber auch leidensfähiger gemacht. Hunde kann man bestrafen, wenn sie nicht gehorchen, sie bleiben einem trotzdem treu. Bei Wölfen funktioniert das nicht: Wenn der Mensch zu ihnen böse wird – dann laufen sie einfach davon.“

Mag. Michaela Marschall
Project canis. Lebensfreunde Hundetraining

29.6.2009 17:18