Mittwoch, 25. März 2009

Solidarität gefordert: Heinz Sichrovsky
kommentiert die Schuldebatte

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Das erste lange, vertrauensvolle Gespräch mit meinem Vater habe ich sechs Wochen vor seinem Tod geführt. Es war auch schon das letzte, ehe sein Verdämmern begann. Dass es so spät wurde, hatte einen Grund: Er war nie da. Ich kenne keinen Menschen, der so viel gearbeitet hätte wie er. Mein Vater war Mathematiklehrer an einem Wiener Gymnasium. Stand er nicht in der Klasse, kümmerte er sich um problematische Schüler (allerdings nur um solche, die ihm zu Gesicht standen). War er damit fertig, erstellte er die Stundenpläne, und als diese Aufgabe anlässlich seiner Pensionierung einem Computersystem anvertraut wurde, brach der Betrieb zusammen. Nach einem Schlaganfall arbeitete er weiter wie zuvor, und trotz seiner Abwesenheit konnten wir uns auf ihn verlassen wie auf niemanden sonst. Er war fürsorglich über die Maßen, räumte seinen drei Kindern jedes Hindernis aus dem Weg und erarbeitete uns genug, um Existenzen zu gründen. Weil ich all das bezeugen kann, schäme ich mich für die pauschale Ehrabschneidungskampagne, mit der man seinem Berufsstand seit Wochen begegnet. Geschätzte Leser: Solidarisieren wir uns zum Besten unserer Kinder mit fähigen Lehrern. Sonst haben wir zu verantworten, dass leidenschaftliche Pädagogen, wie mein Vater einer war, den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres Tuns verlieren.

25.3.2009 18:14
Kis-Alacska, 26. 05. '10 16:09
Schule-1
Auch wenn Ihr Artikel schon über 1 Jahr alt ist, kann ich dem nicht in Allem zustimmen. Als ehemalige Schülerin habe ich (und auch meine damaligen Mitschüler) Ihren Vater durchaus anders in Erinnerung. Zwar stimmt es, dass er sehr viel Zeit für die Schule aufgewendet hat, auch an den Absturz des Computers - nach dem er nicht mehr die Organisation des Stundenplans verwaltete - erinnere ich mich noch. Es ist richtig, dass es Schüler, die er nicht mochte, schwer bei ihm hatten. Wir fürchteten als Schüler schlichtweg seine stetige Unberechenbarkeit, von der manche Versetzung, ja manches berufliche Weiterkommen abhing bis scheiterte. Ich verstehe bis heute nicht, warum jemand am 23.12. eine Unterrichtsstunde nur dazu verwendet, um möglichst viele Schüler auf "Nicht genügend" zu prüfen?!