Donnerstag, 26. März 2009

Wirtschaftsexperte Stiglitz im FORMAT:
"Wir brauchen jetzt neue Reservewährung"

  • Der Ökonom über Wege einer neuen Finanzordnung
  • Grenzen und Möglichkeiten des Weltfinanzgipfels

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz über die Finanzordnung der Zukunft, den Unwillen zu tiefgehenden Reformen und den Spaß an der Krise.

Format: Hand aufs Herz, Professor Stiglitz: Genießen Sie die Krise? Für einen Ökonomen ist eine Jahrhundertrezession doch ein Ereignis, das man in seinem Leben einmal mitbekommen möchte.

Stiglitz: In gewisser Weise haben Sie schon Recht, intellektuell ist das sehr spannend. Ärzte wollen schließlich auch besondere Krankheiten zu Gesicht bekommen – nicht weil sie sich freuen würden, dass es ihren Patienten schlecht geht, sondern weil man daran all seine Theorien und Ideen überprüfen kann. Für mich ist das besonders bedeutungsvoll, weil ich ja sehr stark in die Krisen in Ostasien, Argentinien und Russland involviert war und durch meine Rolle bei der Weltbank viel über die grundsätzlichen Probleme der Globalisierung nachgedacht habe.

Format: In diesem Zusammenhang haben Sie schon lange vor schweren Verwerfungen im globalen Wirtschaftssystem gewarnt. Aber haben Sie sich die Krise wirklich so vorgestellt, wie wir sie nun erleben, oder wurden auch Sie überrascht?

Stiglitz: Die Krise hat zwei Elemente: die Makroökonomie und den Finanzsektor. Was die Makroökonomie angeht, würde ich sagen, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Im Finanzsektor hatte ich auch einen großen Teil der Probleme identifiziert, die Schwierigkeiten mit den Subprime-Krediten oder den Derivaten. Aber mir war nicht klar, in welchen Größenordnungen da gezockt wurde. Bis heute kann ich nicht ganz verstehen, was für irrsinnige Summen da verschwunden sind.

Format: Um Konzepte für die Reform der internationalen Finanz- und Wirtschaftsordnung zu entwickeln, haben die Vereinten Nationen ein Expertengremium berufen, das Sie leiten. Was fordern Sie?

Stiglitz: Zu den Kernvorschlägen gehört die Einrichtung von drei neuen Institutionen: Erstens brauchen wir eine neue globale Kreditorganisation, die besser funktioniert als unsere derzeitigen Institutionen.

Format: Könnten die Weichen zur Umsetzung Ihrer Vorschläge bereits beim G-20- Gipfel gestellt werden?

Stiglitz: In London wird es zwar wichtige Bekenntnisse geben, den Reformwillen aufrechtzuerhalten und die Wirtschaft wieder anzukurbeln, aber nichts Konkretes wie etwa ein Rahmenwerk für die Kontrolle der Finanzmärkte. Tatsächliche Fortschritte sehe ich nur in zwei Bereichen: Im Umgang mit sogenannten "unkooperativen Finanzzentren" wird etwas passieren, wenn auch nicht so viel, wie manche sich wünschen würden.

Format: Das betrifft Steuerparadiese und Bankgeheimnis-Hochburgen wie die Schweiz, Liechtenstein oder Monaco.

Stiglitz: Außerdem wird der IWF mehr Geld bekommen, was für Länder wie Ungarn, die dringend Finanzhilfen brauchen, von großer Bedeutung ist. Allerdings handelt es sich dabei genau genommen um Mittel, die schon seit längerem zugesagt sind. Europa und Japan stellen neues Geld bereit. Nur die USA haben bisher nichts anderes getan, als anderen Ländern großzügig zu erlauben, den IWF mit Geld zu versorgen.

Format: Scheitern die notwendigen Reformen an politischen Machtkämpfen?

Stiglitz: Es ist schwierig, echte Reformen durchzukriegen. In gewisser Weise stehen wir wieder vor dem gleichen Problem wie in den Neunzigern: Mitten in der Asienkrise wurde viel darüber geredet, wie sich die globale Finanzarchitektur verändern müsse, aber irgendwann war das Schlimmste vorbei, und nichts passierte, außer ein paar Kleinigkeiten, die aber letztlich den gleichen Gedankenmustern folgten, aus denen die Probleme entstanden waren.

Interview: Bernhard Bartsch

Was Stiglitz über die neue Rolle Chinas denkt lesen Sie im aktuellen FORMAT 13/2009.

26.3.2009 16:15