Retten Chinesen per Knopfdruck die Welt?
Das Reich der Mitte muss sich behaupten
- 400 Milliarden-Euro-Konjunkturpaket gegen die Krise
- Ministerpräsident Jiabao sieht Chinas Macht begrenzt
·Finanzminister finden
ersten grünen Zweig
Vertreter der G-20 wollen
mehr Geld für den IFW
·China hält trotz Krise an Wachstum fest
Rekordverschuldung soll jetzt Rettung bringen

In 20 Minuten war alles vorbei - inklusive "Marsch der Freiwilligen" und Nationalhymne. Nur kurz Knöpfchen drücken und wieder raus aus der Großen Halle des Volkes. Im Schnelldurchgang segneten die knapp 3.000 Delegierten des Volkskongresses in Peking das neue Konjunkturprogramm ab. Mit einem Umfang von vier Billionen Yuan, umgerechnet 400 Milliarden Euro, soll es verhindern, dass die chinesische Wirtschaft noch weiter in der Keller sackt. Die magische Zahl 8, die in China traditionell Glück und Reichtum verheißt, soll jetzt alles richten. Acht Prozent Wachstum gibt Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao vor und setzt sich damit über alle Vorhersagen hinweg, die zwei bis drei Prozentpunkte darunter liegen.
Wenn nur Zuversicht aus der Krise heraushelfen kann, wie Wen Jiabao sagt, dann muss der Regierungschef eben auch Zuversicht ausstrahlen. Er ist der Kapitän in rauer See. "Es ist wie mit einem Kompass, den wir auf einem Segelboot brauchen, um zu wissen, wo wir hinfahren und wann wir an unserem Ziel ankommen", sagt Wen Jiabao. Acht Prozent gelten in China als das Minimum, um Arbeit und Stabilität zu sichern. Sie dienten auch lange als Ziel, um die erhitzte Wirtschaft abzukühlen.
Doch hat sich nie jemand wirklich an den Kurs gehalten. Locker wurden elf oder zwölf Prozent erreicht. Nur jetzt müssen sich alle in die Riemen legen, um auf acht Prozent zuzusteuern. Es ist aber vielleicht auch nur eine Frage der Statistik, die in den Provinzen schon immer gebeugt worden ist, um den Mächtigen in Peking zu gefallen.
Doch die Welt blickt auf China. Mehr als Wen Jiabao lieb ist. Die Spekulationen, dass er in seinem Rechenschaftsbericht ein weiteres Konjunkturpaket schnüren würde, zeigten nur, dass die Welt seine bisherigen Pläne nicht verstanden habe. "Gerüchte und Missverständnisse haben die Aktienmärkte der Welt Achterbahn fahren lassen", schüttelt Wen Jiabao vor der Presse den Kopf. Nein, ein neues Paket hat er nicht verkündet. Aber ja, er hat noch weitere Pläne für die Krisenbekämpfung in der Schublade. "Wir haben noch genug Munition zurückbehalten." Aber erst soll die Wirkung des im November angekündigten Pakets abgewartet werden. Und noch ist die Talsohle der Wirtschaftskrise auch nicht erreicht.
China muss sich erst selbst retten
Dass China die Welt aus der Krise retten könnte, wie manche Beobachter glauben machen wollen, ist ohnehin völlig unrealistisch. Wenn China sich selbst retten könnte, wäre das schon der größte Beitrag, entgegnet Wen Jiabao immer wieder. China ist zwar zur drittgrößten Wirtschaftsnation nach den USA und Japan aufgestiegen, doch macht seine Volkswirtschaft nur fünf Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes aus - kein Vergleich zu den rund 25 Prozent der US-Wirtschaft. "China allein kann die Welt nicht wiederbeleben", sagt der Ökonom Wang Xiaoguang. Chinas Einfluss sei "sehr begrenzt".
Die größte Sorge der Delegierten war denn auch, wie transparent das Konjunkturprogramm überhaupt ist. Wieviel Geld in welche Taschen fließt. Ihre Neugier wurde nur begrenzt befriedigt. Mitreden dürfen sie ohnehin nicht. Sie geben alljährlich im März nur die Kulisse für das Propagandabild des "demokratischen Zentralismus" ab. Am Ende eilen sie dann die Treppen der Großen Halle des Volkes hinunter zu ihren Bussen.
Mit neun Tagen war die Sitzung so kurz wie noch nie. "Alle sind sehr beschäftigt. Die Jahrestagung könnte sogar noch kürzer sein", findet der Abgeordnete Wang Wu, Präsident der Jiangnan Universität in Wuxi (Provinz Jiangsu). Es sei denn, die Abgeordneten kämen auch einmal zu Wort. "Die hohen Funktionäre sollten sich kürzer fassen und die einfachen Delegierten mehr reden lassen."
(Andreas Landwehr/dpa)

