Dienstag, 17. März 2009

Große Aufregung um "ORF-Extrawurst":
Presse verärgert über Sonderbehandlung

  • ORF durfte auch zweiten Prozesstag übertragen
  • Trotz Ausschluss der Öffentlichkeit Fragen gestellt

Der zweite Verhandlungstag im Inzest-Fall von Amstetten hat für viele Journalisten mit Ärger und Unverständnis begonnen, als sie der TV-Übertragung des ORF im Medienzelt neben dem Landesgericht St. Pölten lauschten. Nachdem es bereits zuvor geheißen hatte, der Prozesstag werde unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, war der Unmut unter Journalisten umso größer, als dann doch ORF-Radio- und Fernseh-Reporter ihre Fragen an den Angeklagten richten durften. Der ORF und der Gerichtssprecher konnten die Aufregung nicht nachvollziehen.

"Bestimmte Eigenheiten beim Prozess sind doch typisch österreichisch", ärgerte sich zum Beispiel ein deutscher Berichterstatter. "Ich habe gar kein Verständnis dafür, dass ausgewählte Medien zugelassen sind", ergänzte eine Kollegin aus Berlin. "Wir können uns ja auch ruhig verhalten und gesittet mit Block und Kuli in die Bank setzen", meinte eine weiter Journalistin, die die Übertragung im Medienzelt neben dem Gericht verfolgte. Dass die Öffentlichkeit dem Prozess nicht beiwohnen darf, "das haben wir zur Kenntnis genommen", meinte eine Reporterin von einem Madrider Privatsender. Wenn dann aber selektiert werde, "du darfst und du nicht", verärgere das die Leute, meinte sie.

ORF sieht keinen Grund für Wirbel
Beim ORF verstand man die Aufregung nicht. Es habe sich an der Ausgangslage gegenüber Montag nichts geändert, sagte ein Sprecher. Das Gericht habe entschieden, dass jeweils vor Prozessbeginn ein Fernseh- und ein Hörfunkreporter sowie ein schreibender Kollege von der APA - Austria Presse Agentur Zutritt zum Gerichtssaal bekomme (dem APA-Redakteur war der Zutritt ins Gerichtsgebäude allerdings verwehrt worden, Anm.). Angesichts des drohenden Chaos, wenn zig Kamerateams und Journalisten den Gerichtsraum stürmen würden, kann der ORF diese Selektion nachvollziehen. Der ORF stelle seine Bilder außerdem als eine Art Host Broadcaster interessierten Sendern zur Verfügung, so der Sprecher.

Franz Cutka, der Sprecher des Landesgerichts St. Pölten, verstand die Aufregung ebenfalls nicht, die im Pressezelt ausgebrochen war, nachdem ein ORF-Journalist Gelegenheit bekommen hatte, trotz eines Betretungsverbots für Medienvertreter Verteidiger Rudolf Mayer im Gerichtssaal zu interviewen und Josef F. auf seinem Weg zur Anklagebank zu filmen. Der ORF habe nur "anlässlich der Vorführung" von Josef F. und "vor dem Aufruf zur Sache" gefilmt, betonte Cutka.

Pressekonferenz um 16 Uhr
Um 16.00 Uhr will Cutka die Medienvertreter über den Verlauf des zweiten Verhandlungstags informieren, der aus Opferschutzgründen zur Gänze unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Seine Mitteilungen dürften sehr knapp ausfallen, zumal es dem Gerichtssprecher aus rechtlichen Gründen untersagt ist, sich zum Inhaltlichen zu äußern. Aber auch zum Drumherum - wie etwa Josef F. während der Beweisaufnahme gewirkt hat - sind von Cutka wohl keine Angaben zu erwarten. "Ich komme nicht dazu, mich in den Verhandlungssaal zu setzen. Bei mir läutet ständig das Telefon, ich muss laufend Interviews geben. Ich sag, wie es ist", so Cutka.

Einige TV-Teams haben bereits am Montag angekündigt, dass sie am zweiten Verhandlungstag nach Amstetten weiterziehen wollten. Viele der internationalen Medienvertreter waren am Dienstagvormittag aus St. Pölten bereits abgereist. (apa/red)

17.3.2009 12:16