Montag, 16. März 2009

Staatsanwältin legte filmreifen Auftritt hin:
Opfer erlitten "unvorstellbares Martyrium"

  • Burkheiser brachte "Duftproben" aus dem Keller mit
  • Angeklagter zeigte "keine Anzeichen von Reue"

Von einem "unvorstellbaren Martyrium" sprach Staatsanwältin Christiane Burkheiser in ihrem Eröffnungsvortrag. Josef F. wirke "wie ein netter alter Herr von nebenan". Sie bescheinigte ihm "ein gut gepflegtes Äußeres und höfliches Auftreten". Auch habe sich der 73-Jährige im Vorverfahren kooperativ gezeigt: "Er hat alle meine Fragen beantwortet." Sodann ging die Staatsanwältin aber hart ins Gericht mit dem Angeklagten, der "keine Anzeichen von Reue und Unrechtsbewusstsein gezeigt hat".

"Keiner kann sich wirklich vorstellen, was sich da unten abgespielt hat", kam Burkheiser auf die Vorgänge in dem Kellerverlies zu sprechen, in dem der Angeklagte seine Tochter 24 Jahre gefangen gehalten haben soll. Die ersten neun Jahre ihrer Gefangenschaft habe das Opfer auf elf Quadratmetern gelebt, ehe der Vater den Keller ausbaute - "zeitweise mit drei kleinen Kindern und einem Baby im Bauch", wie die Staatsanwältin hervorhob. Bereits am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft habe Josef F. die damals 18-Jährige "im Kellerverlies vergewaltigt".

Ohne Tageslicht und Frischluft
"Es gab kein Warmwasser, keine Dusche, keine Heizung und vor allem kein Tageslicht und keine Frischluftzufuhr", beschrieb Burkheiser die Lebensumstände der Gefangenen. Diese habe lediglich aufgrund der undichten Mauern Luft zum Atmen gehabt. In den ersten neun Jahren habe es nichts außer einem Waschbecken, einem Schlafplatz und einer Kochplatte gegeben.

Die Anklägerin zeigte die Lebensumstände im Keller dramatisch auf: Die Tür zum Schwurgerichtssaal hatte sie in der Höhe von 1,74 Metern markieren lassen, um den Geschworenen die Höhe des Kellerverlieses mittels eines Laserpointers vor Augen führen zu können. Zweimal habe sie den Keller besichtigt, betonte Burkheiser: "Dort herrscht eine morbide Atmosphäre. Sie müssen auf den Knien kriechen, um ins Verlies zu gelangen. Die Schleusentür ist nur 83 Zentimeter hoch. Es ist feucht, schimmlig, modrig. Die Feuchtigkeit kriecht ihnen in den Rücken und in die Knochen."

"Duftproben" aus Keller
Danach überreichte die Staatsanwältin den Geschworenen eine Box mit Mitbringseln aus dem Keller. Sie selbst sprach von "Duftproben" und forderte die Laienrichter auf: "Riechen Sie an den Gegenständen!"

Der Angeklagte habe über seine Tochter wie sein Eigentum verfügt - er bestimmte, wann sie Lebensmittel oder Kleidung erhielt. Oft fiel der Strom aus, oder Josef F. stellte ihn tagelang ab, führte die Staatsanwältin im Prozess um den Inzestfall von Amstetten den Geschworenen drastisch aus, was es wohl bedeutete, in völliger Finsternis in dem modrigen Verlies zu leben.

Im ersten Jahr der Gefangenschaft habe es gar keine Kommunikation gegeben: "Er kam, nahm sie und ging wieder", sagte Christiane Burkheiser. Eines der schlimmsten Dinge, die der Eingesperrten angetan wurden, war für die Staatsanwältin jedoch die ständige Ungewissheit, wann und ob Josef F. überhaupt wieder käme.

Vergewaltigungen, Finsternis, Schimmel
Als unvorstellbar bezeichnete die Staatsanwältin auch die folgenden Geburten: Als das erste Kind 1988 geboren wurde, hatte die werdende Mutter lediglich ein Buch über Geburtsvorbereitung - das sie auf Drängen erhalten hatte -, eine nicht sterilisierte Decke zum Einwickeln des Säuglings und eine "dreckige Schere" zur Verfügung. Burkheiser beschrieb die folgenden Jahre ebenso kurz und bündig wie drastisch: Vergewaltigungen, Finsternis, Schimmel.

Mord durch Unterlassung
Ausführlich ging die Staatsanwältin auf die Geburt von Zwillingen am 28. April 1986 ein: Der Angeklagte habe sporadisch nachgeschaut, aber nichts unternommen, als der eine Säugling zu keuchen begann und eine bläuliche Gesichtsfarbe bekam. Der Bub starb ohne jegliche medizinische Hilfe nach zweieinhalb Tagen, "Seinem eigenen Fleisch und Blut Hilfe zu verweigern", sei Mord durch Unterlassung, wandte sich die Staatsanwältin direkt an den Angeklagten.
(apa/red)

16.3.2009 11:41