Der Hoffnungsträger Tibets setzt auf Dialog:
Karmapa Lama für "aufrichtiges Verstehen"
- 23-Jähriger als Dalai Lama-Nachfolger im Gespräch
- Hofft auf "friedliche Koexistenz" mit den Chinesen

Klosterleben und iPod sind für den 17. Karmapa Lama kein Widerspruch. Der 23-jährige Ugyen Thinley Dorje spielt gerne Playstation, mag "Indiana Jones"-Filme und ist verschiedentlich als Nachfolger des 73-jährigen 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, im Gespräch, dem geistlichen und weltlichen Exil-Oberhaupt der Tibeter. Der Karmapa sieht sich selbst als Vermittler zwischen den jungen Menschen und der alten Generation. "Es gibt einen Spalt zwischen der alten tibetischen Mentalität und der Jugend von heute. Das ist ein gewaltiges Problem", sagt der nur selten Interviews gebende dritthöchste tibetische Würdenträger (nach dem Dalai Lama und dem Pantschen Lama). "Ich fühle, dass ich die Brücke zwischen den beiden sein kann."
Tibet habe über Generationen eine eigene Denkweise entwickelt, die jetzt überholt sei, erklärt der Karmapa in Dharamsala, dem Exilsitz des Dalai Lama in Nordindien. Dort lebt er seit seiner Flucht aus Tibet vor neun Jahren mit vielen anderen Exil-Tibetern. Aber nicht nur zwischen den Generationen könnte der junge Mann verhandeln, manche sehen ihn auch als einen Vermittler zwischen der Exilführung und der chinesischen Regierung. "Die Chinesen sind ihm nicht fremd. Er brennt nicht vor Feindseligkeit. Er sieht sie (die Chinesen) als einen Teil der Landkarte", sagt sein Englischlehrer Jeremy Russell. Fünfzig Jahre nach dem gescheiterten Aufstand könnte der Karmapa einen Dialog mit Peking ermöglichen.
Maulkorb der indischen Regierung
Er ist aber ebenso Kämpfer für die Rechte der Tibeter im chinesischen Staatsverband: "Wir stehen unter einer großen Macht, unter der Unterdrückung einer starken Macht, die so extrem ist, dass wir manchmal kein Recht, keine Freiheit zum Atmen haben", sagt der Karmapa, der sich nach Auflagen der indischen Regierung eigentlich nicht zu politischen Themen äußern darf. Nach der Flucht des Karmapa Lama hatte Peking die indische Regierung wiederholt aufgefordert, dem Jugendlichen kein politisches Asyl zu gewähren.
"Friedliche Koexistenz" mit China?
"Aufrichtiges Verstehen" und "friedliche Koexistenz" könne man mit den Chinesen erreichen, hofft der Karmapa. Mit sieben Jahren wurde der Sohn einer Nomadenfamilie von Mönchen als Wiedergeburt entdeckt. Das Verfahren, dass auch bei der Suche der Reinkarnation nach dem Tod eines Dalai Lama angewandt wird, hält der streng vegetarisch lebende junge Mann inzwischen für veraltet: "Die tibetische Gesellschaft ist heute eine Demokratie. Jedes Individuum hat Rechte und Gründe zu sagen, was es fühlt und denkt. Niemand muss dem folgen, was ein anderer sagt". Der Karmapa gehört allerdings, anders als der Dalai Lama, der Kagyu-Glaubensrichtung an. Das könnte die Pläne einiger Tibeter durchkreuzen, die sich den Karmapa als den nächsten Dalai Lama wünschen.
Konflikt um Panchen Lama
Nach dem Konflikt um die rechtmäßige Wiedergeburt des 1989 verstorbenen 10. Pantschen Lama (Panchen Lama), der zweithöchsten religiösen Autorität, hatte Peking in Tibet eine rigorose "Kampagne der patriotischen Erziehung" durchgezogen. Die Chinesen hatten den neuen Pantschen Lama, Gedhun Choekyi Nyima, nicht anerkannt und einen gleichaltrigen Gegen-Pantschen-Lama eingesetzt. Das UNO-Komitee für die Rechte des Kindes hat von der Volksrepublik vergeblich Zugang zu Nyima gefordert. Dem Abt des Klosters Tashi Lhunpo (Taschilumpo) in Xigaze (Schigatse), Chadrel Rinpoche, der die für die rituelle Suche der Reinkarnation zuständige Mönchsgruppe geleitet hatte, war von den kommunistischen Behörden beschuldigt worden, mit dem exilierten Dalai Lama zu kollaborieren. Er wurde zu langjähriger Haft verurteilt und mit mehr als vierzig Mönchen in die Provinz Sichuan deportiert.
Wiedergeburt nicht in besetztem Gebiet
2002 hatte der Dalai Lama angekündigt, dass er nach seinem Tod nicht im besetzten Tibet oder einem anderen Gebiet unter chinesischer Herrschaft wiedergeboren werde. Wenn Tibet zu seinen Lebzeiten nicht befreit werde, finde seine Wiedergeburt in einem anderen Land statt, das frei sei. Er wolle die Wiederholung der Vorkommnisse im Fall des Pantschen Lama vermeiden.
(apa/red)
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