Morgen beginnt Prozess gegen Josef F.: Amstetten will endlich vergessen können
- Erinnerungen an den April 2008 kommen wieder hoch
- Eine Reportage aus der Bezirkshauptstadt in NÖ
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Im Schritttempo schleicht ein Pkw mit deutschem Kennzeichen durch eine nichtssagende, mit Reihenhäusern, Gärten und Garagen gesäumte Seitenstraße am südlichen Rand von Amstetten. Aus den Seitenfenstern lugen Kamera und Mikrofon. "Oje, geht das schon wieder los?" Die Blumenverkäuferin blickt kaum auf. Sie weiß, was ihr schon wieder blühen könnte. "Sie können sich nicht vorstellen, was sich da abgespielt hat." Und schon sind sie wieder da, die Erinnerungen an den April 2008, als schräg gegenüber, in der Ybbsstraße, ein Mann festgenommen wurde, dem man Taten zur Last legt, die jegliche Vorstellungskraft sprengen.
Es ist ein Gebäude von beispielloser Durchschnittlichkeit, in dem der damals 73-jährige Josef F. seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Verlies eingesperrt, sexuell missbraucht und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll. Den Hauseingang der in renoviertem Gründerzeit-Stil gehaltenen Front hat der Wind zugemüllt, an der Gegensprechanlage sind einige Namensfragmente erkennbar. "Na, suchen'S den F.?", lacht ein Pensionist im Vorübergehen. Mehr Kommunikation findet nicht statt. Kein Amstettner scheint das Bedürfnis zu verspüren, dem blassgrünen Anwesen mit grau verwaschenem 70er-Jahre Zubau an der Rückseite übermäßig viel Beachtung zu schenken.
"Jetzt kommt alles wieder hoch"
"Den Herrn gibt's für mich nicht mehr." Die Antworten zum Fall F. sind, wenn überhaupt, kurz und knapp. Eine Frau im Kaffeehaus des Einkaufszentrums CCA dämpft ihre längst ausgedrückte Zigarette noch einmal aus. Dann kommt doch ein bisschen mehr: "Man kann sich ja gar nicht vorstellen, was die Kinder durchgemacht haben. Ich glaub nicht, dass es so etwas auf der Welt noch einmal gibt." Josef F., sagt sie, sei ein durchaus bekannter Mann in der Mostviertel-Metropole gewesen, und das will was heißen bei immerhin 13.000 Einwohnern. Er sei "immer seriös aufgetreten". Ihre Tischnachbarin rührt währenddessen ihren Kaffee zum x-ten Mal um, ihr Blick läuft ins Leere: "Langsam ist bei uns wieder Ruhe eingekehrt, aber jetzt kommt alles wieder hoch."
Es ist eine eigenartige Mischung aus Aufarbeitung und Verdrängung, die die Menschen betreiben. "Überall hat's geheißen: 'Der Fall Amstetten'. Aber was können denn wir dafür?", ärgert sich eine Frau über die in mediale Sippenhaft genommene Gemeinde. Und fügt hinzu: "Josef F. wird hier immer ein Gesprächsthema bleiben. Niemand kriegt das je wieder aus dem Kopf."
Das deutsche Kamerateam pirscht noch immer um das Geisterhaus Ecke Ybbs- und Dammstraße, das den Eindruck erweckt, als hätten es sämtliche Bewohner fluchtartig verlassen. "Polizei - Betreten Verboten - Objekt ist alarmgesichert" - das bereits etwas verwitterte Schild an der Garageneinfahrt dient als Hintergrund für den "Aufsager" des Sprechers. Die Nachbarin beobachtet das Geschehen. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen: "Muss denn das sein? Wann hat denn das ein End'?". Zwei ältere Frauen stimmen ihr, im Gleichklang den Kopf schüttelnd, stumm zu.
Dutzende TV-Busse, Hunderte Journalisten aus der ganzen Welt, riesige Kräne für die Kameras - dass all das abermals auf die Anrainer der zu trauriger Berühmtheit gelangten Straßenkreuzung hereinbricht, davor fürchten sich viele. Dann wird es nämlich neuerlich heißen: "Der Fall Amstetten". Dabei wollen die Leute endlich vergessen können, sie wollen wieder die ganz alltäglichen Belanglosigkeiten genießen dürfen.
(apa/red)
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