Ex-Telekom-Chef Boris Nemsic im FORMAT:
'Ich laufe aus Österreich sicher nicht davon'
- Verzichtet auf Abfertigung aus dem jetzigen Vertrag
- PLUS: Die neuen Herausforderungen bei VimpelCom
·Ametsreiter an der Spitze der Telekom
Aufsichtsrat beschließt Nachfolge für Nemsic
·Telekom bestätigt
Abgang von Nemsic
Vorstandsvorsitzender
wechselt nach Russland

Spitzenmanager Boris Nemsic erzählt, warum er von der Telekom Austria zur VimpelCom wechselt, wie er mit politischen Korsetten umgegangen ist, wie ihn persönliche Angriffe stärker gemacht haben und weshalb er keinen Leibwächter braucht.
FORMAT: Herr Nemsic, in den letzten Jahren haben Sie mehrere Angebote von großen Konzernen ausgeschlagen. Warum verlassen Sie die Telekom dieses Mal?
Nemsic: Es gab schon früher ein Angebot vom VimpelCom, aber auch von anderen Firmen. Für so eine weitreichende Entscheidung müssen mehrere Dinge zusammenkommen ...
FORMAT: Frust, Lustlosigkeit?
Nemsic: Nein. Wir hatten 2008 bei der Mobilkom das beste Ergebnis der Geschichte. Im Festnetz ist der entscheidende Schritt gelungen: von der defensiven Phase des Schrumpfens zum proaktiven Handeln. Wenn sich das Gefühl einstellt, der Job ist gemacht, ist man empfänglicher für neue Angebote.
FORMAT: Das klingt schön. Man könnte es aber auch so sehen: 2008 musste der Gesamtkonzern wegen Rückstellungen einen Verlust hinnehmen; die nächsten Jahre werden noch schwieriger; und Sie haben sich noch rechtzeitig abgesetzt?
Nemsic: Manche Leute sehen das so. Ein Schritt wie meiner wird immer von Unkenrufen begleitet. Ich höre seit acht Jahren: Der Markt ist ausgereizt, es gibt kein Wachstum mehr. Trotzdem hat der Mobilfunk jedes Jahr weiter zugelegt.
FORMAT: Die Krise und die Abwertung von Währungen werden jetzt aber die Erträge der Osteuropa-Töchter spürbar nach unten drücken.
Nemsic: Das ist unerfreulich, aber wir haben etwa in Weißrussland trotz der Währungsproblematik 27 Prozent reale Steigerung. Würde ich mich vor der Krise fürchten, ginge ich doch nicht ausgerechnet nach Russland. Das ist die größere Herausforderung und es beweist, dass die Vorstellung, ich würde vor Schwierigkeiten davonlaufen, absurd ist. Boris heißt auf Kroatisch "der Kämpfer".
FORMAT: Im Management der Telekom herrscht Irritation, weil Sie sich innerhalb von nur drei Wochen verabschieden. International sind in solchen Fällen längere Fristen üblich.
Nemsic: Es sind nicht drei, sondern sechs Wochen. Aber vor allem will ich keinen Abgang auf Raten, sondern einen klaren Schnitt. Ich will nicht Monate als lahme Ente hier herumsitzen, die keine Entscheidungen mehr treffen kann. Ein Topmanager muss ersetzbar sein. Und wir haben genügend fähige Leute, die den Laden hier stemmen können.
FORMAT: Die Telekom Austria notiert an der Börse und muss gleichzeitig mit einem politischen Korsett leben. Welche Rolle haben die Konflikte, die sich daraus ergeben, für Ihren Abgang gespielt? Stichworte: Personalabbau, Beamtenagentur.
Nemsic: Wir haben Rahmenbedingungen geerbt, die beim Börsengang nicht geändert wurden. Heute zahlen wir dafür den Preis. Das ist ein Problem, die Eigentümerstruktur nicht.
FORMAT: Aber die Politik hätte Ihnen mit einer Lösung helfen können. Sie sollen über das Scheitern einer Beschäftigungsagentur sehr enttäuscht sein.
Nemsic: Wir haben die dritte Regierung in drei Jahren. Ich verstehe, dass es auch andere Dinge zu tun gibt, als uns zu helfen. Mein Wunsch war eine gute Lösung für die Mitarbeiter, damit sie einer sinnvollen Arbeit nachgehen können, wenn wir keine mehr haben. Es trifft mich als Person, dass dies nicht gelungen ist, hat jedoch nichts mit meiner Entscheidung zu tun.
FORMAT: Dass eine Lösung verhindert wurde, hat 2008 den gesamten Jahresgewinn der Telekom gekostet und wird künftig möglicherweise einen zweiten fressen. Das geht doch an die Nieren.
Nemsic: Lustig ist dieser Verlust nicht. Die Rückstellungen sind aber eine rein buchhalterische Maßnahme und sicher kein Grund, das Handtuch zu werfen.
FORMAT: Was sagen Sie zu Vermutungen, dass Sie als Teil des Deals der VimpelCom zu einer Übernahme der Telekom Austria verhelfen wollen?
Nemsic: Da werde ich schwer überschätzt. Es ist ja lustig: Am Anfang wurde ich unterschätzt, jetzt überschätzt. Was soll das mit mir zu tun haben? Abgesehen davon ist eine VimpelCom-Beteiligung in Österreich überhaupt kein Thema.
FORMAT: Angeblich werden Sie in Russland fünf bis sechs Millionen Euro verdienen. Hat das Geld Sie gelockt?
Nemsic: Danke für die Wünsche, aber diese Summe entbehrt jeder Grundlage. So locker, wie manche glauben, rollt der Rubel bei weitem nicht. Wenn ich große Erfolge habe, kann ich gut verdienen. Wenn nicht, dann viel weniger. Ein echter Vorteil sind die 13 Prozent Steuer. Aber dafür verliert der Rubel laufend an Wert.
FORMAT: Kriegen Sie von der Telekom eine Abfertigung, obwohl Sie so schnell aussteigen? In Zeiten, in denen Managergehälter auf dem Prüfstand stehen, ein politisch heikles Thema.
Nemsic: Ich verzichte auf viele Ansprüche, auch auf eine Abfertigung aus meinem jetzigen Vertrag als CEO der Holding. Es gibt dann noch erworbene Ansprüche aus früheren Funktionen im Konzern, die geparkt sind. Darüber wird entschieden.
FORMAT: Das Leben in Moskau wird wohl weniger gemütlich als in Wien. Werden Sie einen Leibwächter haben?
Nemsic: Ich bin keine Person, die einen Leibwächter braucht. Moskau ist eine Weltstadt wie viele andere und sicherer als Detroit oder Los Angeles. Wir sollten uns von Vorurteilen befreien. Und außerdem: Im Blog einer Tageszeitung habe ich gelesen, dass ich eh aussehe wie ein russischer Manager: Bart, schiefe Zähne und null Prozent metrosexuell.
Interview: Andreas Lampl
Mehr über die neuen Herausforderungen bei VimpelCom lesen Sie im FORMAT 10/2009.

