Die harte Schlacht um Fotos und Storys:
Berichterstattung zum Jahrhundertprozess
- Scheckbuchjournalismus: Geld statt Recherche
- Experte: "Es gibt ein legitimes Interesse am Fall"

·Paparazzi stürmen St. Pölten für Prozess
Anreise der Journalisten läuft jetzt allmählich an
Die Öffentlichkeit ist beim Prozess um den Inzestfall von Amstetten ausgeschlossen, die Opfer verweigern Interviews mit Medien. Das bereitet den Boden auf für Spekulationen und für die Informationsbeschaffung auf "alternativen" Wegen. Die Klatschpresse - und nicht nur die - hat ihre "dirty tricks", um an Informationen zu gelangen, sagte der deutsche Journalistik-Experte und Medienwissenschafter Michael Haller anlässlich des bevorstehenden Gerichtsprozesses.
Geld statt Recherche - auch als "Scheckbuchjournalismus" bezeichnet oder "Witwenschütteln", das schamlose Ausnützen der Hinterbliebenen von Unglücksopfern, um an Interviews oder Fotos zu kommen - sind Beispiele dafür. "Scheckbuchjournalismus gibt es in Österreich - und nicht erst seit gestern", sagte Hannes Haas, Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.
Harte Konkurrenz
Grund dafür sei das Konkurrenzverhältnis der Medien untereinander. "Ich will Informationen haben, die andere nicht haben" und "ich brauche Experten als Trittbrettfahrer", beschrieb Haas die Motivation des Boulevards. In ein ähnliches Horn stößt Haller: "Es geht immer um Exklusivität. Das war bei Natascha Kampusch ein wichtiges Motiv, als es darum ging, wer das erste Interview bekommt."
Je größer das Thema und international interessanter, desto stärker der Hang zum Scheckbuchjournalismus. "Das (das Verfahren gegen Josef F., Anm.) ist kein Prozess wie jeder andere", meinte Haas. Der Ausschluss der Öffentlichkeit mache es nur noch spannender. "Man kann Leute nicht in Quarantäne stecken", sagte er. "Es gibt ein legitimes öffentliches Interesse an so einem Fall. Fakten, die nicht verschlossen werden müssen, sollen veröffentlicht werden. Es muss Information geben, was passiert."
"Hier hat das Gericht eine große Verantwortung; es muss den Fall mit Augenmaß auch für die Informationswünsche behandeln", betonte Haller. "Kooperationsbereitschaft zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind gefragt. Sonst öffnet sich ein weites Feld für Spekulationen", so der Medienwissenschafter.
Das britische Massenblatt "Sun" hat Paparazzi-Fotos der Opfer veröffentlicht. Was interessiert ein internationales Medium an einem österreichischen Kriminalfall derart, dass kein Tabubruch zu groß, keine Information zu teuer und kein Weg zu weit ist? Haas: "Das ist eine Art von Verbrechen, das keine nationalen Grenzen hat oder kulturspezifische Voraussetzungen braucht. Der Fall hat alle Nachrichtenwerte, die zu einer Story reichen. Die Geschichte könnte überall passieren." Aber, nicht nur Journalisten müssen sich an Regeln halten, sondern auch Leser, sagte Haas.
(apa/red)
