Jahrhundertprozess wirft Schatten voraus:
St. Pölten im Bann der Vorberichterstattung
- Bürgermeister will den Imageschaden abwenden
- Josef F. rechnet mit Haft bis an sein Lebensende

·Inzestprozess gegen
Josef F. ab 16. März
Anklagepunkte: Von Mord
bis zur Vergewaltigung
Der Prozess gegen Josef F. im Inzest-Fall von Amstetten, der am 16. März am Landesgericht St. Pölten beginnt, wirft in der NÖ Landeshauptstadt zunehmend seine Schatten voraus. Dreharbeiten von TV-Sendern aus aller Welt zur Vorberichterstattung würden derzeit zum Stadtbild gehören, berichtete der Magistrat. Bei Bürgermeister Matthias Stadler wachse die Liste der Interviewanfragen stündlich. Der Angeklagte selbst rechne mich lebenslanger Haft, ließ sein Anwalt verlauten.
"Vom Dänischen Fernsehen bis zu AP-TV gaben sich diese Woche schon viele die Klinke in die Hand", schilderte der Stadtchef seine Eindrücke. Er will vor allem einen "Imageschaden" für St. Pölten abwenden. "Wir sind lediglich Prozessort, dafür eine Stadt mit internationalen Festivals, die Millionen TV-Zuseher ebenfalls beachten, den Special Olympics 2010 und dem 850-Jahre-Stadtjubiläum heuer." Dem Schweizer Fernsehen etwa seien auch diese "Schauplätze" angepriesen worden, ebenso dem Tschechischen Fernsehen, das gerade in St. Pölten Eindrücke sammelte.
Qualitätsjournalismus auf den Spuren des Boulevard
Für kommende Woche hat sich laut Medienservice die Deutsche Welle angesagt, die weltweit zu empfangen ist, ebenso eine niederländische TV-Station. Und selbst die seriöse "Zeit" erspähe derzeit die Stadt und ihre Menschen.
25 rollende TV-Studios und weit mehr als 200 Berichterstatter in Wort und Bild von in- und ausländischen Printmedien würden in diesen Tagen in St. Pölten ihr Quartier aufschlagen, berichtete das Medienservice. Mehrere Dienststellen des Magistrats werden die erforderliche Infrastruktur verstärken. So soll etwa im Bereich des Presse-Zeltes, das beim Landesgericht aufgestellt wird, ein "mobiler Handymast" für die Netz-Sicherung sorgen.
Angeklagter rechnet mit lebenslang
Josef F. rechnet damit, dass er bis an sein Lebensende inhaftiert bleiben wird. Das erklärte sein Verteidiger Rudolf Mayer.
Auf die Frage, mit welcher Strafe sein Mandant rechne, meinte Mayer: "Er ist 73 Jahre. Das ist bei ihm überhaupt kein Thema." Josef F. gehe davon aus, dass er seinen Lebensabend im Gefängnis verbringen wird.
Zu den Anklagepunkten Freiheitsentziehung, Vergewaltigung, Blutschande und schwere Nötigung will sich Josef F. "im Wesentlichen geständig zeigen", kündigte sein Rechtsbeistand an. Den Vorwurf, den Tod eines von ihm im Keller gezeugten Neugeborenen in Form von unterlassener Hilfeleistung vorsätzlich herbeigeführt und sich damit des Mordes schuldig gemacht zu haben, wird er abstreiten. "Zum weiteren Anklagepunkt Sklavenhandel ist die Frage, ob der Tatbestand erfüllt worden ist oder nicht", meinte Mayer.
Der Verteidiger betonte, sein Mandant sei kein "Sex-Monster". Josef F. habe die Tochter, die er laut Anklage 24 Jahre in seinem umgebauten Keller in Amstetten gefangen gehalten und siebenmal geschwängert haben soll, "auf seine Art geliebt".
(apa/red)
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