So wird Hunger gemacht: Einer Milliarde Menschen droht der qualvolle Hungertod
- Wie Teuerung und Finanzkrise das Elend auslösen
- NEWS: Überleben wurde in vielen Regionen zu teuer

·UNO: 2009 hungern
mehr als eine Milliarde
"Situation des Hungers in der Welt ist alarmierend"
·US-Sheriff sparte
bei Wasser und Brot
Häftling nahm 16 Kilo ab - Beamter muss in Haft
Die Frage, wann sie zuletzt Fleisch gegessen habe, quittiert Hardouna mit einem müden Lächeln. "Fleisch essen wir nicht. Das verkaufen wir - früher wenigstens." Seit einem Monat hat in der Hungerzone des afrikanischen Staates Niger niemand mehr etwas außer Hirse und Wasser zu sich genommen. Hardouna kämpft sich mit einer Mahlzeit pro Tag durch. Sie und ihr kleiner Sohn Damien rühren sich kaum noch aus der finsteren Hütte in dem kleinen Dorf nahe der Stadt Maradi. Brütend heiß ist es hier. Gerade zehn Monate ist der Bub alt. Die Muttermilch Hardounas, die letzte Chance, ihr Kind zu ernähren, schwindet bedrohlich. "Wenn mein Mann nur endlich etwas Geld schicken würde. Schon vor Wochen ist er nach Nigeria gegangen, um etwas zu verdienen", sagt sie verzweifelt.
Rings um sie beginnen immer mehr Babys wie Damien so schwach zu werden, dass sie sterben. Überlebt ihr Bub diese Krise, erwartet ihn ein lebenslanger Überlebenskampf. Wahrscheinlich wird er versuchen, wie seine Eltern als Bauer durchzukommen. Doch die Perioden dramatischer Dürre, die ihn als Kleinkind fast das Leben gekostet haben, werden häufiger. "Bis 2050 wird sich die Lage in Ländern wie dem Niger aufgrund des Klimawandels dramatisch zuspitzen. Die jetzt schon katastrophalen Werte der Kindersterblichkeit werden horrende Ausmaße annehmen", befürchtet UN-Experte Jan Egeland.
Dreifache Krise
Derzeit sind die Folgen des Klimawandels - wenn sie auch künftig mit wachsender Zerstörungskraft wüten werden - nur ein Aspekt, der das globale Elend verschärft. Überleben wurde empfindlich teuer; zu teuer für viele: auf jeden Fall für ein Drittel der Weltbevölkerung, jene zwei Milliarden Menschen, die mit einem Euro pro Tag oder weniger auskommen müssen. Die Folge: Eine Milliarde Menschen, um 75 Millionen mehr als 2008, drohen derzeit zu verhungern. Eine Zeitenwende ist erreicht, wie eine Epidemie breitet sich lebensbedrohliche Not aus. "Wir steuern auf einen Punkt zu, ab dem das globale System nicht mehr mit der Zahl der Hungrigen zurande kommen wird", warnte erst im Jänner Josette Sheeran, Direktorin des UN-Welternährungsprogramms.
Entfacht wurde diese Dynamik durch die Teuerungswelle im Vorjahr. Die Höhenflüge der Rohstoffpreise unserer Grundnahrungsmittel haben sich abgeflacht, doch nach wie vor kostet Getreide um fünfzig Prozent mehr als 2005. Dabei wird immer deutlicher, wie massiv die globale Finanzkrise die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen bedroht. Schon im Vorjahr war der Höhenflug an den Rohstoffbörsen Resultat des ersten Erdbebens an der Wall Street. Als Anleger aus den morschen Finanztiteln in den sicheren Hafen der Warenbörse in Chicago flohen, schossen die Preise dort wie Raketen in den Himmel.
Nach dem Platzen der Blase fielen die Preise: Bauern bekamen im Herbst dramatisch wenig Geld für ihre Ernten, die Kosten für Betriebsmittel, vor allem für Dünger, blieben aber hoch. Verschärft wird die Lage nun durch das Austrocknen der Kredite, dazu schrumpfen die Investionen der Industrieländer, die Nachfrage nach Bodenschätzen sinkt. Concepción Calpe, Wirtschaftsexperte der UN-Organisation für Landwirtschaft, FAO, wartet mit düsteren Prognosen auf: "Wir befürchten, dass aufgrund der Folgen der Wirtschaftskrise nach den Ernten der Jahre 2009 und 2010 eine weitere Teuerungswelle bei Lebensmitteln und eine noch massivere Hungerkrise drohen."
Drohende Brotkriege
Gleichzeitig geraten die Überweisungen von Hilfsgeldern der - ehemals - reichen Welt für die Ärmsten ins Stocken. Dabei wären sie nötiger denn je: Angesichts der globalen Wirtschaftskrisen gehen auch in den ärmsten Ländern massiv Jobs verloren. Immer mehr geraten in die Spirale des Elends. Mahlzeiten werden gestrichen, Kinder aus der Schule genommen, weil sie Geld verdienen sollen und nicht Geld kosten dürfen.
Dazu betrafen Hungersnöte bislang vor allem ländliche Regionen. Seit dem Vorjahr ändert sich dieser Trend: In den Epizentren gravierender Mangelernährung wurden die Städte von der Krise erfasst. Hier mussten Familien erst plötzlich hohe Preise für Lebensmittel auf den Märkten bezahlen, nun geraten dazu Arbeitsplätze in Gefahr. In den Slums der Städte der weniger entwickelten Welt kocht der Zorn hoch. Dieser explosive Mix führte im Vorjahr zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen in dreißig Staaten.
Diese Entwicklung gilt als Alarmsignal für eine massive Destabilisierung durch Brotkriege: "Wir befürchten, dass künftig in 75 Ländern, darunter politisch sehr brisante Staaten wie Indonesien und Pakistan, Unruhen ausbrechen könnten", so Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds.
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