Donnerstag, 26. Februar 2009

Memoiren eines "Monsters": Die vielen Gesichter des Kerkermeisters Josef F.

  • Tyrann, Geschäftsmann, Kumpel - und Kerkermeister
  • "Hasste sie": Schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter
    NEWS: Die Lebensgeschichte des "Horrorvaters"

Angenommen, es wäre möglich, das Rad der Zeit – sagen wir um ein Jahr – zurückzudrehen. Unternehmen wir diesen Versuch, in Gedanken, und resümieren wir, welche die Wirklichkeit war. Damals, im Februar 2008, in Amstetten.

Als die meisten Menschen im Ausland wahrscheinlich nicht einmal ahnten, dass es in Österreich einen Ort dieses Namens gibt. Und die Bewohner der Kleinstadt dem grauen, hässlichen Anwesen in der Ybbsstraße 40 keine besondere Bedeutung zumaßen, an ihm am Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen vorbeifuhren, ohne einen Blick darauf zu werfen; auf dieses Gebäude, in dem, wie einigen bekannt gewesen ist – eben "die Fritzls" wohnten. Eine "ganz normale Familie", eigentlich; seit "ewig", "immer schon" ansässig hier, in Amstetten.
Und nur wenige, sehr wenige – jene, die mit der "Frau des Hauses" locker befreundet gewesen sind, und ein paar Nachbarn – wussten ein bisschen mehr. Sie wussten etwa, dass die 67-Jährige es nicht einfach hatte mit ihrem Gatten, dass er sie sogar ziemlich unterdrückte; sie wussten, dass die meisten der insgesamt sieben Kinder der beiden bereits früh von daheim ausgezogen waren, wegen des harten Erziehungsstils des Vaters. Sie wussten, dass Elisabeth, das drittjüngste der Geschwister, 1966 geboren, im Sommer 1984 an einem unbekannten Ort bei einer geheimnisvollen Sekte untergetaucht war und seitdem mitunter mysteriöse Briefbotschaften versandte; dass die "Vermisste" drei Babys, immer in den Nachtstunden, vor dem Haus in der Ybbsstraße 40 abgelegt hatte, mit der schriftlichen Bitte an Vater und Mutter, für die Kleinen zu sorgen. Und dass diese Kinder, zwei Mädchen und ein Bub, wohlbehütet bei den Großeltern aufwuchsen.

Ein "Meister des Verleugnens"
Fleißig war Josef Fritzl, das konnte niemand bestreiten – und sonst halt nicht besonders "auffällig". Gut – dass er mal mit "Kumpels" auf Urlaube nach Thailand fuhr und sich dort von jungen Damen massieren und vielleicht auch noch auf andere Art verwöhnen ließ, war in Amstetten bekannt. Aber ihm aus einer Sache, die so viele tun, einen Vorwurf machen? Schließlich ist er ja schon seit fast 50 Jahren verheiratet gewesen, vermutlich war das Verhältnis zu seiner Frau längst zu einem "rein freundschaftlichen" geworden …

Und dann, im April 2008, als das Inzestdrama bekannt wurde?Lenze: "Nachdem ich die Nachricht erhalten hatte, bin ich zum Gendarmerieposten im Ort gegangen und hab mich von Polizeibeamten in die Zelle des Täters führen lassen, und da hab ich Herrn Fritzl gesehen und war völlig überrascht und hab geschrien: 'Was – Sie? …'"

Nun, in der "Jetztzeit", im Februar 2009, wenige Wochen vor seinem Prozess, sagt er, Josef Fritzl, der Mann, der längst Kriminalgeschichte geschrieben hat, der rund um den Globus in den Medien nur "Monster", "Satan" genannt wird, noch immer – und immer wieder – dasselbe: "Es tut mir so leid …" Aber so viel er auch schon den Ermittlern, seinen Anwälten, Psychologen und Psychiatern über sich, über seine Wahnsinnstat, über seine kaputte Seele erzählt hat – so unverständlich bleibt weiterhin sein Verbrechen. Und wird es wahrscheinlich für immer bleiben.

Ursachen in der Kindheit?
Die Ursache für das Unbegreifliche – liegt sie in seiner Kindheit begraben? Psychiaterin Adelheid Kastner, die den Mann im Auftrag des Gerichts ausgiebig untersucht hat, sieht darin einen Erklärungsansatz.
Was sind die Schilderungen des Mannes über sein "Früher"?
Das Haus in der Ybbsstraße 40, das "Horrorhaus von Amstetten" – Josef Fritzl wurde hier am 9. April 1935 geboren. In ärmlichen Verhältnissen.
"Als Alibikind", wie er es ausdrückt. "Meine Mama – sie war Magd – bekam mich nur, weil ihre einzige Liebe, ihr Exgatte, ihr immer vorgeworfen hatte, sie wäre unfruchtbar; und mit einem neuen Partner wollte sie ihm beweisen, dass das nicht so war. Nur deshalb hat sie mich also zur Welt gebracht." Was berichtet der 73-Jährige noch über seine Mutter, über die Beziehung zu ihr? "Sie hat mich alleine großgezogen, Liebe bekam ich von ihr nie, sie prügelte und trat mich, bis ich am Boden lag und blutete. Ich fühlte mich dabei so erniedrigt, so schwach. Ich hatte Angst vor ihr, schreckliche Angst, vor ihrer Unberechenbarkeit, vor ihren Schlägen, und sie hat mich dauernd so sehr beschimpft, als Satan, als Nichtsnutz, als Verbrecher. Sie verbat mir, Freunde zu haben oder Sport zu betreiben."

Ein "Haustyrann"
Das Leben in seiner "offiziellen Welt" – es soll für seine Ehefrau und die Kinder ein Alptraum gewesen sein. ER, der übermächtige Vater, der die Gattin und seinen Nachwuchs beherrschte. ER aber auch, der seine Wut, seine Unberechenbarkeit, seine "dunkle Seite" in der "Welt draußen" so sehr unter Kontrolle hatte, dass er durchaus gesellschaftliches Ansehen genoss. ER, der letztendlich begann, im Keller seines Hauses seine schlimmsten Fantasien, seine geheimsten Träume von Allmächtigkeit – in die Realität umzusetzen.

Elisabeth hat den Ermittlern zu Protokoll gegeben, seit ihrem elften Lebensjahr regelmäßig von ihrem Vater missbraucht worden zu sein. Ein Bruder der Frau bestätigt diese Angaben: "Mein Papa stellte ihr ständig auf schreckliche Weise nach, und er legte ihr schon in ihrer Volksschulzeit Pornohefte unter das Kopfpolster …" Was sagt Josef Fritzl zu diesen Vorwürfen? "Ich bin kein Kinderschänder. Ich habe mich Elisabeth erst viel später, als sie schon im Keller eingesperrt war, körperlich genähert."

Der "Herr über die Dunkelheit" gibt sich nun – in Haft – "harmlos". Verhält sich ruhig, ist höflich zu den Aufsehern, liest viel. Romane, Sachbücher, Zeitschriften. Führt kooperative Gespräche mit seinem Masseverwalter. Bereitet sich mit seinen beiden Anwälten auf seine bevorstehende Verhandlung vor. Hat neue Geschäftsideen. Sinniert darüber, seine Memoiren zu schreiben, die Geschichte seines Jahrhundertverbrechens zu vermarkten.

Und sieht sich noch immer – auch wenn er zugibt, "dass etwas Böses in mir ist" – als "Familienvater", der, wie er meint, "immer nur das Beste für meine Frau und die Kinder wollte – aber dabei leider ein paar Dinge falsch gemacht" hat …

Lesen Sie die ganze Geschichte im NEWS 09/09!

26.2.2009 09:24